Hör- und Lese­tipps aus der Redaktion

Das Lamm macht Ferien: Bis zum 3. August schalten wir in den Sommer­modus. Für die Zwischen­zeit haben wir Lese- und Hörtipps zusam­men­ge­stellt – gegen Lange­weile und Sommerhitze. 
Vom feministischen Comic über Selbstfürsorge über einen Podcast zu einer Raplegende bis hin zum politischen Sachbuch über Kohle und Öl – die besten Kulturtipps aus der Lamm-Redaktion. (Bild: Luca Mondgenast)

«Carbon Demo­cracy. Poli­tical Power in the Age of Oil» von Timothy Mitchell. Ein Tipp von Selina.

Eine Empfeh­lung für alle, die müde davon sind, beim Zeitung­lesen ständig auf repeat  «ÖL, wtf, USA, wtf» zu denken und sich mehr Analyse wünschen. Auf 250 dichten Seiten liefert Mitchell eine Geschichte des Erdöls und zeigt auf, wie die Entwick­lung von Klas­sen­kämpfen, Impe­ria­lismus und Demo­kratie mit den fossilen Ener­gie­trä­gern verklebt sind.

Dass das Buch ein Professor geschrieben hat, spürt man beim Lesen. Die Sätze sind lang, ihre Inhalte voraus­set­zungs­reich. Zwei Empfeh­lungen: 1) Eine Liste mit allen rele­vanten Ölfirmen führen und als Lese­zei­chen nutzen. 2) Das Buch in einer Lese­gruppe lesen. Was mich daran erin­nert, mit meiner einen näch­sten Termin auszu­ma­chen: Das letzte Kapitel haben wir nämlich noch nicht besprochen. 

«Xatar – Legacy» von Miriam Davoud­vandi und Daniel Slump. Ein Tipp von Mara.

Xatar hat den deut­schen Hip-Hop verän­dert. Doch Giwar Hajabi alias Xatar war mehr als ein Rapper: Er war einer der wenigen sicht­baren Kurden in der Öffent­lich­keit, eine poli­ti­sche Iden­ti­fi­ka­ti­ons­figur für viele, Mentor für junge Rapper*innen und zugleich Ehemann und Freund. 

Am 7. Mai 2025 starb Xatar uner­wartet mit 43 Jahren. Zum ersten Jahrestag widmen ihm Rap-Jour­na­li­stin und Buch­au­torin Miriam Davoud­vandi und Streamer Daniel Slump einen sechs­tei­ligen Podcast. Dafür spre­chen sie mit Menschen aus seinem engsten Umfeld etwa seiner Ehefrau, seinem besten Freund und seinem Produ­zenten. Der Podcast gibt einen tiefen Blick in Xatars Erbe. Ein must-hear – und zwar nicht nur für Deutschrapfans. 

Und wer Xatar noch nicht kennt, sollte drin­gend mal in die Lieder «Mama war der Mann im Haus», «Ich will hier nicht weg» oder «Morgen wird es besser» reinhören.

«Ich will nicht weg. Warum soll ich weg?
Schau dich mal richtig um, alles Jackpot hier.
Du kannst mit Jogging­hose raus­gehen.
Und du brauchst dich nicht schäm’n.
Weil die Frauen hier draussen auch so aussehen»

«Ich will hier nicht weg» von Xatar

«Himmel­blau» von Pandora Magri. Ein Tipp von Lilli.

Auch wenn der gewalt­tä­tige Partner von Hasen-Prot­ago­ni­stin Poppy längst weg ist, bleibt das Trauma im Alltag allge­gen­wärtig. Schon scheinbar harm­lose Trigger wie der Geruch einer Hand­creme wecken trau­ma­ti­sche Erinnerungen. 

In ihrer Graphic Novel «Himmel­blau» verar­beitet Pandora Magri Erfah­rungen mit Part­ner­schafts­ge­walt, ohne auf plaka­tive Gewalt­dar­stel­lungen zu setzen. Ein redu­zierter Zeichen­stil mit Tier­fi­guren und das Farb­kon­zept machen Poppys Innen­leben sichtbar: Während ihr Alltag in sanften Blau­tönen gehalten ist, drängt sich die schmerz­hafte Vergan­gen­heit in stechendem Rosarot auf. 

«Himmel­blau» ist eine leise Geschichte über Selbst­für­sorge, die Aussen­ste­henden ohne erho­benen Zeige­finger zeigt, was nach der Gewalt bleibt.

«Demo­kratie – Die perfekte Form bürger­li­cher Herr­schaft» von Gegen­stand­punkt. Ein Tipp von Noctua.

Egal welche Partei – wählen ist die Haupt­sache! So zumin­dest der gängige Konsens im demo­kra­ti­schen Diskurs. Die Marxi­sti­sche Gruppe (MG) aus der west­deut­schen Studen­ten­be­we­gung kontert diesen Konsens mit einem radi­kalen Gegen­pro­gramm: «Wählen ist verkehrt!»

Mit zugäng­li­chen Argu­menten zeigt die publi­zi­sti­sche Nach­fol­ge­or­ga­ni­sa­tion der MG, der Gegen­stand­punkt, warum die Demo­kratie keine erstre­bens­werte Form der gesell­schaft­li­chen Orga­ni­sie­rung ist. Die Kritik beschränkt sich dabei keines­wegs auf die bauch­linke Binsen­weis­heit, dass die Ökonomie sich der demo­kra­ti­schen Kontrolle entziehe und die bürger­liche Demo­kratie folg­lich keine «echte» Demo­kratie sei – der Gegen­stand­punkt liefert eine funda­men­tale und kriti­sche Ausein­an­der­set­zung mit den herr­schenden Umständen, ohne ihre demo­kra­ti­sche Natur zu verkennen.

«Das Prädikat demo­kra­tisch, gilt den Poli­ti­kern als Ausweis dafür, dass die Macht – mit welchen poli­ti­schen Entschei­dungen sie auch immer den Bürgern kommt – im Recht ist.»

«Demo­kratie» von Gegenstandpunkt

Das Sati­re­ma­gazin Göffel. Ein Tipp von Kira.

Endlich gibt es wieder was zu lachen: Das einzige nicht-rechts­extreme Satire-Magazin der Schweiz wurde dieses Jahr gegründet! Die bisher erschie­nenen zwei Ausgaben des Göffels sind rand­voll mit schrägen Texten, skur­rilen Horo­skopen und bizarren Sammel­po­stern gefüllt. Beim Göffel dreht sich alles ums Hand­feste: Das nost­al­gisch an die 90er erin­nernde Magazin erscheint ausschliess­lich in gedruckter Form. Im digi­talen Raum macht es sich absicht­lich rar – ganz nach dem Motto: Das Internet war gestern. Heute aber feiern wir schlechtes Design auf Hoch­glanz­pa­pier und erfreuen uns, dass wenig­stens ein Medium seinen Humor noch nicht verloren hat und es wagt, in diesen Zeiten ins Print­ge­schäft einzusteigen. 

Wer also genauso verblendet ist wie die anonymen Macher*innen hinter dem Göffel – oder es noch werden will –, darf sich bis zu viermal im Jahr über das post-post-punkige A5-Heft freuen, das endlich zu Papier bringt, wonach zwar niemand gefragt, aber allen schmerz­lich gefehlt hat.

«dene wos guet geit» von Stella & The Fridge. Ein Tipp von Selina.

Am EP-Release in der besetzten Post war ich relativ zufällig gelandet. Raus lief ich mit Stella & The Fridge Platte, Shirt und Klebe­tat­toos – als gehö­riger Fan also. Dazwi­schen lagen zwei Stunden dysto­pi­scher Pop auf Schwei­zer­deutsch; wummernde Bässe, Akkor­deon und Omnichord (!), da sachte Piano­solos, dort unheil­volle Beats – und mitten drin die markante Stimme von Rosanna Zünd, die Stella & The Fridge ausmacht.

 Ihre Lieder sind poli­tisch, boden­ständig poetisch (ja, das geht), auf Schwei­zer­deutsch und doch nicht cringe (auch das geht anschei­nend). Nächste Konzert­ter­mine sind noch nicht verkündet aber see you there!

«En Ort löst sich langsam uf 

und ali wend hei

doch s’Dihei isch kein Ort meh 

nur es Wort wome kennt

us Muure und Hünd und suscht nüt» 

«en Ort» von Stella & The Fridge

«Lukas Santana muss sterben» von Elvira Dones. Ein Tipp von Mara.

Fast zwei Millionen Menschen sitzen in den USA im Knast. 65 Prozent davon sind Black Indi­ge­nous People of Color. Hinter dieser Stati­stik stehen Menschen­leben. Die alba­nisch-italie­ni­sche Autorin Elvira Dones erzählt in ihrem neuen Roman das Schicksal von Lukas Santana, der in Texas zehn Jahre in der Todes­zelle verbringt. Drei Monate vor seiner Haft lernt er Beatriz Macedo kennen und lieben; die beiden heiraten im Gefängnis. Ihre Liebes­ge­schichte führt die Lesenden durch das Unrecht und Leid, das Lukas in seiner Haft­zeit erlebt. Beatriz steht ihm bei – und hat ihre Träume vom besseren Leben längst begraben. Ein Roman, der die Grau­sam­keit des Gefäng­nis­staats USA greifbar macht.

«Ein Himmel ohne Gitter. Nach neun Jahren ist Lukas zum ersten Mal draußen, in einem Hof ohne Begren­zung oder Maschen­draht über dem Kopf.»

«Lukas Santana muss sterben» von Elvira Dones

«Forever Fungirl» von Elisa­beth Pich. Ein Tipp von Lilli.

Chao­tisch, irrwitzig und von einer herr­li­chen Respekt­lo­sig­keit geprägt: Im Zentrum steht eine höchst neuro­ti­sche, liebens­werte, dauer­haft unschul­dige und doch völlig rück­sichts­lose Prot­ago­ni­stin, die mit einer Mischung aus Naivität und unge­bro­chenem Taten­drang durch ihren Alltag stol­pert. Dabei finden Schild­krö­ten­mafia, the Substance-Reffe­renz und eine verheis­sungs­volle lesbi­sche Affäre mit einer Dozentin Platz (um nur einige High­lights zu nennen). Die im Zürcher Verlag Edition Moderne erschie­nene Graphic Novel seziert die Absur­di­täten des modernen Bezie­hungs­le­bens im Roman­ti­schen und Freund­schaft­li­chen mit einem messer­scharfen Blick für das Pein­liche. Lesen!

«Wohl­stand für Alle» von Ole Nymoen und Wolf­gang M. Schmitt. Ein Tipp von Noctua.

Wech­sel­kurse, inter­na­tio­nale Handels­be­zie­hungen, Wert­theorie: Die ökono­mi­schen Prin­zi­pien der kapi­ta­li­sti­schen Welt­wirt­schaft sind unüber­sicht­lich und werden selten zugäng­lich erklärt. Erst recht nicht aus einer konse­quent linken Perspektive. 

Der Podcast «Wohl­stand für Alle» füllt diese Lücke: Seit 2019 bringen die Publi­zi­sten Wolf­gang M. Schmitt und Ole Nymoen ihrem Publikum wöchent­lich die ökono­mi­schen Verhält­nisse näher. Dies tun sie zugäng­lich, quali­tativ hoch­wertig und mit viel Witz. 

Ein Podcast für alle Linken, die verstehen wollen, wie der Kapi­ta­lismus funktioniert.


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