«Carbon Democracy. Political Power in the Age of Oil» von Timothy Mitchell. Ein Tipp von Selina.
Eine Empfehlung für alle, die müde davon sind, beim Zeitunglesen ständig auf repeat «ÖL, wtf, USA, wtf» zu denken und sich mehr Analyse wünschen. Auf 250 dichten Seiten liefert Mitchell eine Geschichte des Erdöls und zeigt auf, wie die Entwicklung von Klassenkämpfen, Imperialismus und Demokratie mit den fossilen Energieträgern verklebt sind.
Dass das Buch ein Professor geschrieben hat, spürt man beim Lesen. Die Sätze sind lang, ihre Inhalte voraussetzungsreich. Zwei Empfehlungen: 1) Eine Liste mit allen relevanten Ölfirmen führen und als Lesezeichen nutzen. 2) Das Buch in einer Lesegruppe lesen. Was mich daran erinnert, mit meiner einen nächsten Termin auszumachen: Das letzte Kapitel haben wir nämlich noch nicht besprochen.
«Xatar – Legacy» von Miriam Davoudvandi und Daniel Slump. Ein Tipp von Mara.
Xatar hat den deutschen Hip-Hop verändert. Doch Giwar Hajabi alias Xatar war mehr als ein Rapper: Er war einer der wenigen sichtbaren Kurden in der Öffentlichkeit, eine politische Identifikationsfigur für viele, Mentor für junge Rapper*innen und zugleich Ehemann und Freund.
Am 7. Mai 2025 starb Xatar unerwartet mit 43 Jahren. Zum ersten Jahrestag widmen ihm Rap-Journalistin und Buchautorin Miriam Davoudvandi und Streamer Daniel Slump einen sechsteiligen Podcast. Dafür sprechen sie mit Menschen aus seinem engsten Umfeld etwa seiner Ehefrau, seinem besten Freund und seinem Produzenten. Der Podcast gibt einen tiefen Blick in Xatars Erbe. Ein must-hear – und zwar nicht nur für Deutschrapfans.
Und wer Xatar noch nicht kennt, sollte dringend mal in die Lieder «Mama war der Mann im Haus», «Ich will hier nicht weg» oder «Morgen wird es besser» reinhören.
«Ich will nicht weg. Warum soll ich weg?
«Ich will hier nicht weg» von Xatar
Schau dich mal richtig um, alles Jackpot hier.
Du kannst mit Jogginghose rausgehen.
Und du brauchst dich nicht schäm’n.
Weil die Frauen hier draussen auch so aussehen»
«Himmelblau» von Pandora Magri. Ein Tipp von Lilli.
Auch wenn der gewalttätige Partner von Hasen-Protagonistin Poppy längst weg ist, bleibt das Trauma im Alltag allgegenwärtig. Schon scheinbar harmlose Trigger wie der Geruch einer Handcreme wecken traumatische Erinnerungen.
In ihrer Graphic Novel «Himmelblau» verarbeitet Pandora Magri Erfahrungen mit Partnerschaftsgewalt, ohne auf plakative Gewaltdarstellungen zu setzen. Ein reduzierter Zeichenstil mit Tierfiguren und das Farbkonzept machen Poppys Innenleben sichtbar: Während ihr Alltag in sanften Blautönen gehalten ist, drängt sich die schmerzhafte Vergangenheit in stechendem Rosarot auf.
«Himmelblau» ist eine leise Geschichte über Selbstfürsorge, die Aussenstehenden ohne erhobenen Zeigefinger zeigt, was nach der Gewalt bleibt.
«Demokratie – Die perfekte Form bürgerlicher Herrschaft» von Gegenstandpunkt. Ein Tipp von Noctua.
Egal welche Partei – wählen ist die Hauptsache! So zumindest der gängige Konsens im demokratischen Diskurs. Die Marxistische Gruppe (MG) aus der westdeutschen Studentenbewegung kontert diesen Konsens mit einem radikalen Gegenprogramm: «Wählen ist verkehrt!»
Mit zugänglichen Argumenten zeigt die publizistische Nachfolgeorganisation der MG, der Gegenstandpunkt, warum die Demokratie keine erstrebenswerte Form der gesellschaftlichen Organisierung ist. Die Kritik beschränkt sich dabei keineswegs auf die bauchlinke Binsenweisheit, dass die Ökonomie sich der demokratischen Kontrolle entziehe und die bürgerliche Demokratie folglich keine «echte» Demokratie sei – der Gegenstandpunkt liefert eine fundamentale und kritische Auseinandersetzung mit den herrschenden Umständen, ohne ihre demokratische Natur zu verkennen.
«Das Prädikat demokratisch, gilt den Politikern als Ausweis dafür, dass die Macht – mit welchen politischen Entscheidungen sie auch immer den Bürgern kommt – im Recht ist.»
«Demokratie» von Gegenstandpunkt
Das Satiremagazin Göffel. Ein Tipp von Kira.
Endlich gibt es wieder was zu lachen: Das einzige nicht-rechtsextreme Satire-Magazin der Schweiz wurde dieses Jahr gegründet! Die bisher erschienenen zwei Ausgaben des Göffels sind randvoll mit schrägen Texten, skurrilen Horoskopen und bizarren Sammelpostern gefüllt. Beim Göffel dreht sich alles ums Handfeste: Das nostalgisch an die 90er erinnernde Magazin erscheint ausschliesslich in gedruckter Form. Im digitalen Raum macht es sich absichtlich rar – ganz nach dem Motto: Das Internet war gestern. Heute aber feiern wir schlechtes Design auf Hochglanzpapier und erfreuen uns, dass wenigstens ein Medium seinen Humor noch nicht verloren hat und es wagt, in diesen Zeiten ins Printgeschäft einzusteigen.
Wer also genauso verblendet ist wie die anonymen Macher*innen hinter dem Göffel – oder es noch werden will –, darf sich bis zu viermal im Jahr über das post-post-punkige A5-Heft freuen, das endlich zu Papier bringt, wonach zwar niemand gefragt, aber allen schmerzlich gefehlt hat.
«dene wos guet geit» von Stella & The Fridge. Ein Tipp von Selina.
Am EP-Release in der besetzten Post war ich relativ zufällig gelandet. Raus lief ich mit Stella & The Fridge Platte, Shirt und Klebetattoos – als gehöriger Fan also. Dazwischen lagen zwei Stunden dystopischer Pop auf Schweizerdeutsch; wummernde Bässe, Akkordeon und Omnichord (!), da sachte Pianosolos, dort unheilvolle Beats – und mitten drin die markante Stimme von Rosanna Zünd, die Stella & The Fridge ausmacht. Ihre Lieder sind politisch, bodenständig poetisch (ja, das geht), auf Schweizerdeutsch und doch nicht cringe (auch das geht anscheinend). Nächste Konzerttermine sind noch nicht verkündet aber see you there!
«En Ort löst sich langsam uf
«en Ort» von Stella & The Fridge
und ali wend hei
doch s’Dihei isch kein Ort meh
nur es Wort wome kennt
us Muure und Hünd und suscht nüt»
«Lukas Santana muss sterben» von Elvira Dones. Ein Tipp von Mara.
Fast zwei Millionen Menschen sitzen in den USA im Knast. 65 Prozent davon sind Black Indigenous People of Color. Hinter dieser Statistik stehen Menschenleben. Die albanisch-italienische Autorin Elvira Dones erzählt in ihrem neuen Roman das Schicksal von Lukas Santana, der in Texas zehn Jahre in der Todeszelle verbringt. Drei Monate vor seiner Haft lernt er Beatriz Macedo kennen und lieben; die beiden heiraten im Gefängnis. Ihre Liebesgeschichte führt die Lesenden durch das Unrecht und Leid, das Lukas in seiner Haftzeit erlebt. Beatriz steht ihm bei – und hat ihre Träume vom besseren Leben längst begraben. Ein Roman, der die Grausamkeit des Gefängnisstaats USA greifbar macht.
«Ein Himmel ohne Gitter. Nach neun Jahren ist Lukas zum ersten Mal draußen, in einem Hof ohne Begrenzung oder Maschendraht über dem Kopf.»
«Lukas Santana muss sterben» von Elvira Dones
«Forever Fungirl» von Elisabeth Pich. Ein Tipp von Lilli.
Chaotisch, irrwitzig und von einer herrlichen Respektlosigkeit geprägt: Im Zentrum steht eine höchst neurotische, liebenswerte, dauerhaft unschuldige und doch völlig rücksichtslose Protagonistin, die mit einer Mischung aus Naivität und ungebrochenem Tatendrang durch ihren Alltag stolpert. Dabei finden Schildkrötenmafia, the Substance-Refferenz und eine verheissungsvolle lesbische Affäre mit einer Dozentin Platz (um nur einige Highlights zu nennen). Die im Zürcher Verlag Edition Moderne erschienene Graphic Novel seziert die Absurditäten des modernen Beziehungslebens im Romantischen und Freundschaftlichen mit einem messerscharfen Blick für das Peinliche. Lesen!
«Wohlstand für Alle» von Ole Nymoen und Wolfgang M. Schmitt. Ein Tipp von Noctua.
Wechselkurse, internationale Handelsbeziehungen, Werttheorie: Die ökonomischen Prinzipien der kapitalistischen Weltwirtschaft sind unübersichtlich und werden selten zugänglich erklärt. Erst recht nicht aus einer konsequent linken Perspektive.
Der Podcast «Wohlstand für Alle» füllt diese Lücke: Seit 2019 bringen die Publizisten Wolfgang M. Schmitt und Ole Nymoen ihrem Publikum wöchentlich die ökonomischen Verhältnisse näher. Dies tun sie zugänglich, qualitativ hochwertig und mit viel Witz.
Ein Podcast für alle Linken, die verstehen wollen, wie der Kapitalismus funktioniert.
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