«Unsere Träume könnt ihr nicht räumen»

Ende Mai besetzte das auto­nome Kollektiv «ZACK!» drei leer­ste­hende Gebäude auf dem Basler Klybeck-Areal. Das Ulti­matum der Kantons­po­lizei ist am gest­rigen Sonn­tag­abend verstri­chen, die Räumung droht. Doch die Aktivist*innen verwei­gern den Abzug. 
Das «ZACK!» ist die grösste Besetzung in Basel seit rund 40 Jahren. (Bild: Gian Lusti)

«Der Moment, als der Zaun geöffnet wurde. 500 oder mehr Menschen, die den Atem anhalten. Die Stille, wie alle auf das Areal strömen. Und plötz­lich rattert ein Gene­rator und die Musik fängt an», so beschreibt ein*e Aktivist*in jene Nacht der Beset­zung. Seitdem hält die «Zone Auto­nome Cultu­relle Klybeck» (ZACK!) – in Anleh­nung an die ZAD-Bewe­gung («Zone à défendre») – die leer­ste­henden Indu­strie­ge­bäude K102, K104 und K106 im nörd­li­chen Teil des Basler Klybeck-Areals besetzt.

Das drohende Ende der Zwischen­nut­zungen auf dem ehema­ligen Werk­areal habe wie eine Einla­dung an die Besetzer*innen gewirkt: «Alles war vorbe­reitet: ein Konzert­raum, Atelier­räume, fein abge­rie­gelt zum rest­li­chen Indu­strie­areal. Seit einem Monat sind wir nun hier. Das ist histo­risch. Das hat es in dieser Dimen­sion in Basel seit 40 Jahren nicht mehr gegeben.»

Eine auto­nome Kultur­zone in einer Stadt der Reichen

Das Klybeck ist ein klas­si­sches Arbeiter*innenquartier mit hohem Migra­ti­ons­an­teil. Es ist das ärmste Viertel der Stadt. Im Jahr 2019 erwarben die Versi­che­rungs- und Immo­bi­li­en­riesen Swiss­life und Rhystadt AG das gesamte Klybeck-Areal für 1,2 Milli­arden Franken. In Koope­ra­tion mit dem Kanton Basel-Stadt treiben sie unter dem Namen «Klybeck­Plus» die Trans­for­ma­tion in ein neues Stadt­quar­tier voran.

Vor dem Einzug von «ZACK!» war das Areal von kultu­rellen Zwischen­nut­zungen wie den beiden Clubs «Humbug» und «Wumsi», einer Padel­halle und Ateliers geprägt. Obwohl konkrete Bebau­ungs­pläne noch ausstehen, wurde den Mieter*innen per Ende April 2026 gekün­digt. Aus Sicht der Besetzer*innen war diese Zwischen­nut­zung reines Kalkül der Eigen­tümer, um «anhand kultu­reller und künst­le­ri­scher Projekte die Wert­stei­ge­rung voran­zu­treiben, ohne eine lang­fri­stige Verpflich­tung einzugehen».

«Wir haben keine Bosse, wir haben uns!»

Kollektiv-Mitglied des ZACK!

Das ZACK! wirft der Stadt vor, Quar­tiere an Privat­kon­zerne zu verscher­beln und eine «Stadt der Reichen» zu fördern. Sie sagen: «Späte­stens wenn Besetzen einfa­cher wird als eine bezahl­bare Wohnung zu finden, ist klar, dass sich niemand mehr Wohn­raum leisten kann.»

Die Barri­kaden stehen, das Areal soll dennoch weiter zugäng­lich als Kulturort bleiben. (Bild: Gian Lusti)

Radi­kale Offen­heit statt subkul­tu­reller Abschottung


Der besetzte Raum soll ein Ort sein, an dem der Zwang zum Konsum und zur Leistung aufge­hoben ist, die Kultur­ange­bote nicht da sind, um mone­tären Wert zu gene­rieren, sondern um «kultu­rellen und poli­ti­schen Inhalt zu vermit­teln und zu leben». Das Kollektiv betont: «Das ZACK! ist keine Dienst­lei­stung: Wer hierhin kommt, prägt den Raum mit.» Das heisst, alle, die den Ort in Anspruch nehmen, über­nehmen auch Verant­wor­tung dafür, sei es bei Infra­struktur, öffent­li­cher Kommu­ni­ka­tion oder der Vertei­lung von Care-Arbeit. Dies sei der essen­ti­elle Bestand­teil einer Selbst­ver­wal­tung: «Wir haben keine Bosse, wir haben uns!»

Auch wenn besetzte Räume krimi­na­li­siert werden und nicht selten Repres­sion erfahren, will sich das Kollektiv nicht in einer unzu­gäng­li­chen Subkultur abschotten. Die Struk­turen seien radikal offen und basis­de­mo­kra­tisch orga­ni­siert. Jeden Tag um 18:30 Uhr finden öffent­liche Voll­ver­samm­lungen statt. Im Eingangs­be­reich hängt eine «Tafel der Selbst­ver­wal­tung», auf der allerlei To-Dos gesam­melt werden. Um die Zugäng­lich­keit für Menschen aus dem Quar­tier zu erhöhen, suche man zudem aktiv den Kontakt zur Bevöl­ke­rung, etwa durch Quartierveranstaltungen.

Im Quar­tier um das ZACK! hängen einige Trans­pa­rente mit soli­da­ri­schen Parolen von Anwohner*innen. (Bild: Gian Lusti)

In den ersten Wochen der Beset­zung ist vieles auf dem Areal entstanden, das die viel­fäl­tigen Bedürf­nisse und Inter­essen der Besetzer*innen und Kollek­tiv­mit­glieder wider­spie­gelt: Vernet­zungs­treffen, an denen disku­tiert wird, Bautage, an denen gewer­kelt wird. Es gibt Kino­nächte, Fuss­ball­trai­nings, Tanz­stunden, Kinder­pro­gramm, Partys und poli­ti­sche Bildungs­ver­an­stal­tungen. Dazu werden die grossen Hallen allmäh­lich alle mit Sinn und Zweck gefüllt. Bis jetzt sind das beispiels­weise Sport­räume, eine Skate­halle, eine Velo-Werk­statt, Nähate­liers, ein Klei­der­tausch-Stand und eine kollek­tive Küche.

In der ZACK!-Werkstatt fallen die Späne. Von Party­deko über Barri­ka­den­ma­te­rial bis Möbel­re­pe­ra­turen wird hier so einiges gewer­kelt. (Bild: Gian Lusti)

Ein beson­ders prägendes Erlebnis für das Kollektiv war die Initia­tive der jüng­sten Gäste: «Mehrere Kinder eröff­neten am ersten Morgen der Beset­zung das auto­nome Museum. Sie sammelten diverse gefun­dene Gegen­stände auf dem Areal, orga­ni­sierten einen Ausstel­lungs­tisch und präsen­tierten diese stolz. Zwar hatten diese Gegen­stände keinen mone­tären Wert, dafür erzählten sie Geschichten, die wir sonst nirgendwo hören würden.»

«Es ist Zeit, wild zu sein!»

Die Besitzer des ehema­ligen Indu­strie­areals wollen die Besetzer*innen loswerden. Die Eigen­tü­mer­ge­sell­schaft Swiss­life liess dem Kollektiv zwei schrift­liche Auffor­de­rungen zur Räumung zukommen, diese blieben jedoch unbe­ant­wortet. Anschlies­send schal­tete sich die Kantons­po­lizei Basel-Stadt ein, um die Eigen­tums­rechte von Swiss­life durch­zu­setzen. Sie stellte ein Ulti­matum mit der Auffor­de­rung, das Gelände bis Sonntag um 20:00 Uhr zu verlassen – eine Frist, die mitt­ler­weile verstri­chen ist.

«Wenn geräumt wird, kommen wir einfach wieder.»

Kollektiv-Mitglied des ZACK!

Das Kollektiv lässt sich davon nicht beein­drucken: «Wir verstehen all die Briefe als Drohungen und Versuche, uns raus­zu­be­kommen. Aber unsere kollek­tive Vision und unser Zusam­men­halt sind stärker.» Der Kampf um das Klybeck-Areal wird von ihnen in einen grös­seren Kontext gestellt. Man stellt sich in eine Tradi­tion mit der Winter­thurer «Gisi», dem ehema­ligen besetzten Koch-Areal in Zürich oder den histo­ri­schen Jugend­un­ruhen in den 80ern. «Squats räum­lich auszu­ra­dieren wird niemals den Kern dessen entkräften, warum Squats über­haupt entstehen: Diese Kämpfe, diese Über­zeu­gungen, diese Leiden­schaften gehen tief. Niemand kann sie uns nehmen.»

Im Eingangs­be­reich des ehema­ligen «Humbug» prangt eine gemeinsam gestal­tete Zitate-Samm­lung. Das Kollektiv meint dazu: «Diese Zeilen rufen uns in Erin­ne­rung: Zusammen sind wir stärker als ihre repres­sive Staats­ge­walt, die uns spalten, einschüch­tern und kaputt­ma­chen soll.» (Bild: Gian Lusti)

Die Forde­rungen vom ZACK! sind deut­lich: Die Gebäude müssen lang­fri­stig und vertragslos abge­treten, aus der rest­li­chen Quar­tier­pla­nung von «Klybeck­Plus» heraus­ge­löst und komplett der Selbst­ver­wal­tung über­geben werden. Da das behörd­liche Ulti­matum bis heute Montag­morgen wirkungslos verstri­chen ist, gilt eine poli­zei­liche Räumung in den folgenden Tagen als wahr­schein­li­ches Szenario. Die Antwort der Besetzer*innen steht fest: «Wenn geräumt wird, kommen wir einfach wieder. Keine Frage. Wir brau­chen diesen Raum und lassen ihn uns nicht nehmen.»


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