«Der Moment, als der Zaun geöffnet wurde. 500 oder mehr Menschen, die den Atem anhalten. Die Stille, wie alle auf das Areal strömen. Und plötzlich rattert ein Generator und die Musik fängt an», so beschreibt ein*e Aktivist*in jene Nacht der Besetzung. Seitdem hält die «Zone Autonome Culturelle Klybeck» (ZACK!) – in Anlehnung an die ZAD-Bewegung («Zone à défendre») – die leerstehenden Industriegebäude K102, K104 und K106 im nördlichen Teil des Basler Klybeck-Areals besetzt.
Das drohende Ende der Zwischennutzungen auf dem ehemaligen Werkareal habe wie eine Einladung an die Besetzer*innen gewirkt: «Alles war vorbereitet: ein Konzertraum, Atelierräume, fein abgeriegelt zum restlichen Industrieareal. Seit einem Monat sind wir nun hier. Das ist historisch. Das hat es in dieser Dimension in Basel seit 40 Jahren nicht mehr gegeben.»
Eine autonome Kulturzone in einer Stadt der Reichen
Das Klybeck ist ein klassisches Arbeiter*innenquartier mit hohem Migrationsanteil. Es ist das ärmste Viertel der Stadt. Im Jahr 2019 erwarben die Versicherungs- und Immobilienriesen Swisslife und Rhystadt AG das gesamte Klybeck-Areal für 1,2 Milliarden Franken. In Kooperation mit dem Kanton Basel-Stadt treiben sie unter dem Namen «KlybeckPlus» die Transformation in ein neues Stadtquartier voran.
Vor dem Einzug von «ZACK!» war das Areal von kulturellen Zwischennutzungen wie den beiden Clubs «Humbug» und «Wumsi», einer Padelhalle und Ateliers geprägt. Obwohl konkrete Bebauungspläne noch ausstehen, wurde den Mieter*innen per Ende April 2026 gekündigt. Aus Sicht der Besetzer*innen war diese Zwischennutzung reines Kalkül der Eigentümer, um «anhand kultureller und künstlerischer Projekte die Wertsteigerung voranzutreiben, ohne eine langfristige Verpflichtung einzugehen».
«Wir haben keine Bosse, wir haben uns!»
Kollektiv-Mitglied des ZACK!
Das ZACK! wirft der Stadt vor, Quartiere an Privatkonzerne zu verscherbeln und eine «Stadt der Reichen» zu fördern. Sie sagen: «Spätestens wenn Besetzen einfacher wird als eine bezahlbare Wohnung zu finden, ist klar, dass sich niemand mehr Wohnraum leisten kann.»

Radikale Offenheit statt subkultureller Abschottung
Der besetzte Raum soll ein Ort sein, an dem der Zwang zum Konsum und zur Leistung aufgehoben ist, die Kulturangebote nicht da sind, um monetären Wert zu generieren, sondern um «kulturellen und politischen Inhalt zu vermitteln und zu leben». Das Kollektiv betont: «Das ZACK! ist keine Dienstleistung: Wer hierhin kommt, prägt den Raum mit.» Das heisst, alle, die den Ort in Anspruch nehmen, übernehmen auch Verantwortung dafür, sei es bei Infrastruktur, öffentlicher Kommunikation oder der Verteilung von Care-Arbeit. Dies sei der essentielle Bestandteil einer Selbstverwaltung: «Wir haben keine Bosse, wir haben uns!»
Auch wenn besetzte Räume kriminalisiert werden und nicht selten Repression erfahren, will sich das Kollektiv nicht in einer unzugänglichen Subkultur abschotten. Die Strukturen seien radikal offen und basisdemokratisch organisiert. Jeden Tag um 18:30 Uhr finden öffentliche Vollversammlungen statt. Im Eingangsbereich hängt eine «Tafel der Selbstverwaltung», auf der allerlei To-Dos gesammelt werden. Um die Zugänglichkeit für Menschen aus dem Quartier zu erhöhen, suche man zudem aktiv den Kontakt zur Bevölkerung, etwa durch Quartierveranstaltungen.

In den ersten Wochen der Besetzung ist vieles auf dem Areal entstanden, das die vielfältigen Bedürfnisse und Interessen der Besetzer*innen und Kollektivmitglieder widerspiegelt: Vernetzungstreffen, an denen diskutiert wird, Bautage, an denen gewerkelt wird. Es gibt Kinonächte, Fussballtrainings, Tanzstunden, Kinderprogramm, Partys und politische Bildungsveranstaltungen. Dazu werden die grossen Hallen allmählich alle mit Sinn und Zweck gefüllt. Bis jetzt sind das beispielsweise Sporträume, eine Skatehalle, eine Velo-Werkstatt, Nähateliers, ein Kleidertausch-Stand und eine kollektive Küche.

Ein besonders prägendes Erlebnis für das Kollektiv war die Initiative der jüngsten Gäste: «Mehrere Kinder eröffneten am ersten Morgen der Besetzung das autonome Museum. Sie sammelten diverse gefundene Gegenstände auf dem Areal, organisierten einen Ausstellungstisch und präsentierten diese stolz. Zwar hatten diese Gegenstände keinen monetären Wert, dafür erzählten sie Geschichten, die wir sonst nirgendwo hören würden.»
«Es ist Zeit, wild zu sein!»
Die Besitzer des ehemaligen Industrieareals wollen die Besetzer*innen loswerden. Die Eigentümergesellschaft Swisslife liess dem Kollektiv zwei schriftliche Aufforderungen zur Räumung zukommen, diese blieben jedoch unbeantwortet. Anschliessend schaltete sich die Kantonspolizei Basel-Stadt ein, um die Eigentumsrechte von Swisslife durchzusetzen. Sie stellte ein Ultimatum mit der Aufforderung, das Gelände bis Sonntag um 20:00 Uhr zu verlassen – eine Frist, die mittlerweile verstrichen ist.
«Wenn geräumt wird, kommen wir einfach wieder.»
Kollektiv-Mitglied des ZACK!
Das Kollektiv lässt sich davon nicht beeindrucken: «Wir verstehen all die Briefe als Drohungen und Versuche, uns rauszubekommen. Aber unsere kollektive Vision und unser Zusammenhalt sind stärker.» Der Kampf um das Klybeck-Areal wird von ihnen in einen grösseren Kontext gestellt. Man stellt sich in eine Tradition mit der Winterthurer «Gisi», dem ehemaligen besetzten Koch-Areal in Zürich oder den historischen Jugendunruhen in den 80ern. «Squats räumlich auszuradieren wird niemals den Kern dessen entkräften, warum Squats überhaupt entstehen: Diese Kämpfe, diese Überzeugungen, diese Leidenschaften gehen tief. Niemand kann sie uns nehmen.»

Die Forderungen vom ZACK! sind deutlich: Die Gebäude müssen langfristig und vertragslos abgetreten, aus der restlichen Quartierplanung von «KlybeckPlus» herausgelöst und komplett der Selbstverwaltung übergeben werden. Da das behördliche Ultimatum bis heute Montagmorgen wirkungslos verstrichen ist, gilt eine polizeiliche Räumung in den folgenden Tagen als wahrscheinliches Szenario. Die Antwort der Besetzer*innen steht fest: «Wenn geräumt wird, kommen wir einfach wieder. Keine Frage. Wir brauchen diesen Raum und lassen ihn uns nicht nehmen.»
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