Mohamad Zwahara ist palästinensischer Filmemacher und Aktivist. Er lebt in Al-Masara, einem kleinen palästinensischen Dorf südlich von Bethlehem. Die landwirtschaftlich geprägte Gemeinschaft liegt in unmittelbarer Nachbarschaft zur Siedlung Efrat, wo auch der ehemalige Dozent der Universität Luzern lebt. Mohamad wurde 1999 geboren; die ersten Häuser der Siedlung wurden im Jahr 1980 erbaut. Ein Teil davon steht auf dem Land seines Grossvaters.
Im Telefongespräch mit Mohamad fällt ein Begriff besonders oft: «the land» – das Land, der Grund und Boden als Dreh- und Angelpunkt des bäuerlichen Lebens und Überlebens.
Bereits seine frühen Kindheitserinnerungen drehen sich darum. Er erzählt von gemeinsamen Arbeitstagen im Familienverbund, rund 20 Personen, wie sie an Freitagen und Samstagen ihr Land aufsuchten, es mit Eseln und Pferden pflügten, Kräuter für die Schafe aussäten oder Trockensteinmauern in den Olivenhainen errichteten. Er erzählt von seinem Grossvater, einem wohlhabenden und angesehenen Mann, dem das Dorf zuhörte, wenn er sprach. Und wie er ihn mit sechs oder sieben das erste und einzige Mal weinen sah, als die Soldaten und Bulldozer kamen und seine Olivenbäume entwurzelten, um sein Land der Siedlung Efrat einzuverleiben.
Zunahme der Siedler*innengewalt
Al-Masara ist ein bekanntes Zentrum des gewaltlosen Widerstandes gegen die israelische Besatzung. Seit 2006 finden im Dorf immer freitags Demonstrationen gegen die Expansion der Siedlung Efrat und den Bau der Trennmauer statt. Regelmässig nehmen daran auch internationale und israelische Aktivist*innen teil.
Zumindest war das so bis zum Oktober 2023. Seither hat sich die Situation auch hier verschärft. Die Gewalt durch die Armee und Siedler*innen hat zugenommen.
Seit dem Oktober 2023 wurden über 60 palästinensische Dörfer entvölkert.
Mohamad erzählt von den neuen Aussenposten, die um die Siedlung Efrat entstanden sind, und die immer näher ans Dorf heranrücken. Er berichtet von der Zerstörung des Hauses seiner Tante durch die israelische Armee und einem nächtlichen Angriff von Siedlerbanden im Nachbardorf Wadi Rahhal, bei dem ein Palästinenser ermordet wurde. Von den Flugblättern, die Palästinenser*innen zur Ausreise nach Jordanien auffordern und den israelischen Flaggen und Plakatwänden, die nun die Strassen der West Bank säumen. Auf den Plakaten steht in Arabisch: «Keine Zukunft in Palästina» – und daneben ein Foto fliehender Menschen in Gaza.
Die Rede von «gemässigten» Siedlungen
Wer heute eine Karte der besetzten Gebiete anschaut, ist schnell orientierungslos. Die Geografie der Besatzung präsentiert sich wie ein Buch mit sieben Siegeln: Drei verschiedene Verwaltungseinheiten (Area A, B, C) mit unterschiedlichen Zuständigkeiten, die international anerkannte Waffenstillstandslinie von 1949, daneben die Trennmauer, die teils massiv in palästinensisches Land hineinreicht, unterschiedliche Arten von Checkpoints, palästinensische Dörfer und Städte – und überall dazwischen: israelische Siedlungen.
Moritz Haegi fungiert als unser virtueller Guide. Er doktoriert in Nahoststudien an der Uni Basel und forscht zum Siedlerkolonialismus in der West Bank. Bei einem Kaffee auf der Zürcher Polyterrasse führt er uns am Laptopbildschirm durch eine aktuelle Karte des Westjordanlandes.
Haegi scrollt hin und her, zoomt punktuell rein und raus, zeigt auf den einen oder anderen Checkpoint oder einen Autobahnabschnitt, der mittlerweile neu gebaut worden sei und lobt die Aktualität der Karte. Er erwähnt Autofahrten mit palästinensischen Freund*innen, kennt einzelne Siedler*innen mit Namen, weiss Bescheid über die neusten Aussenposten und referiert nebenbei über die israelischen Mechanismen zur Landenteignung, die sich teils auf osmanisches Recht aus dem 19. Jahrhundert stützen.
«Die Siedlungen sind strategisch so gelegt, dass sie die Lebensumstände der einheimischen Bevölkerung so miserabel wie möglich machen.»
Moritz Haegi, Doktorant an der Uni Basel
Er beschreibt die Landschaft des Westjordanlandes. Das heisse, trockene Jordantal. Die sanften, grünen, fruchtbaren Hügel der nördlichen West Bank. Er erzählt von Hotspots der Siedler*innengewalt und des Siedlungsbaus – von den South Hebron Hills bis zum geplanten E1-Siedlungsprojekt, das die West Bank de facto zweiteilen soll.
Haegi differenziert dabei zwischen den sogenannten «Quality-of-Life-Siedlungen» und den «ideologisch motivierten Radikalen» rund um Masafer Yatta im Süden – nur um dann zu sagen: Letztlich spiele es keine Rolle. «Der Faschismus hat immer auch die Menschen gebraucht, die nicht ideologisch motiviert waren und trotzdem mitgemacht haben.»
So verhalte es sich auch mit Quality-of-Life-Siedlungen wie Efrat, die lange als «gemässigt» galten. Die Menschen, die dort leben, seien vielleicht nicht primär aus ideologischen Gründen zugezogen, sondern weil die Mieten günstiger waren. Doch gerade das habe System und werde vom israelischen Staat seit den 1980er-Jahren aktiv vorangetrieben, erklärt Haegi. «Durch die Normalität, die diese Siedlungen inszenieren, sollen sie die illegale Besatzung verharmlosen und normalisieren – schon die Bezeichnung an sich ist zynisch.»
Doch seit dem Oktober 2023 sei sowieso alles anders. Auch in den Dörfern rund um Efrat komme es nun zu Angriffen von Siedler*innen. Gemäss der israelischen NGO B’Tselem sind in der West Bank seither mehr als 60 palästinensische Dörfer entvölkert worden.
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Gestohlene Lebenszeit, Schikane und Zermürbung
Moritz Haegi arbeitet viel mit Google Street View. Und so schauen wir uns virtuell in Efrat um, in der Siedlung, wo auch der ehemalige Dozent der Universität Luzern lebt. Wir scrollen die geteerten Strassen entlang, vorbei an einheitlichen, weissen Kataloghäusern und geparkten Autos. Punktuell sehen wir zwischen den Gebäuden in die Landschaft dahinter, wo weitere Siedlungen auf den Anhöhen von Hügeln zu erkennen sind.
Efrat liegt auf einem Hügelzug, der vom palästinensischen Bethlehem im Norden über eine Länge von fünf Kilometern in den Süden verläuft. Westlich davon liegt der Gush Etzion-Siedlungsblock. «Eines der grössten und ältesten Quality-of-Life-Siedlungsgebiete in der West Bank», wie Haegi sagt. «Efrat zieht sich davor durch wie eine Mauer oder ein Schild», bemerkt er. Eine Mauer, die nicht nur Gush Etzion abschirmt, sondern auch wertvolles Agrarland von palästinensischen Dörfern abschneidet. Die kriegerische Metapher des Schildes wird auch vom Bürgermeister Efrats selbstverständlich bedient, wenn er von der Siedlung als «protector of Jerusalem from the south» spricht.
Die Balasan Initiative for Human Rights, eine in Bethlehem ansässige NGO, bezeichnet Efrat in einem aktuellen Bericht als «eines der gefährlichsten Siedlungsprojekte in der südlichen West Bank». Hintergrund sind israelische Pläne, die Siedlung im Rahmen des sogenannten E2-Projekts massiv auszubauen.
Die Rede ist von mehreren tausend zusätzlichen Wohneinheiten. Der Bericht warnt, dass dadurch palästinensische Dörfer südlich von Bethlehem – darunter auch Al-Masara – eingeschlossen, die urbane Entwicklung der Stadt Bethlehem unterbunden und der Süden der West Bank faktisch halbiert würde. Efrat ist innerhalb dieser Expansionsstrategie ein zentraler Anker.
Für Moritz Haegi zeigt sich daran exemplarisch, welche Funktion israelische Siedlungen in der West Bank erfüllen. «Die Siedlungen sind strategisch so gelegt, dass sie möglichst umfassende Kontrolle über die palästinensischen Gebiete erlauben und dabei die Lebensumstände der einheimischen Bevölkerung so miserabel wie möglich machen, bis die Menschen verschwinden», erklärt Haegi. Eine zentrale Rolle spiele dabei die Kontrolle der Mobilität
Künftig will die amerikanische Botschaft in Efrat konsultarische Dienstleistungen im «Pop-Up»-Stil anbieten.
Zusammenhängende palästinensische Räume sind über die Jahrzehnte immer stärker unter Druck geraten. Immer kleinere Enklaven sind entstanden, in denen immer mehr Menschen zusammengedrängt leben. Die Verbindungswege zwischen den palästinensischen Dörfern sind durchzogen von willkürlichen Hindernissen: hunderte Checkpoints, kurzfristig geschlossene Strassen, die dazu zwingen, auf lange und schlecht ausgebaute Umwege auszuweichen. Stau sei vielerorts ein Dauerphänomen.
Haegi holt das lädierte iPhone hervor und zeigt ein Video, das ihm ein palästinensischer Freund kürzlich auf Instagram geschickt hat. Wir sehen die Sicht aus dem Innern eines Sammeltaxis. Durch die Heckscheibe blicken wir auf eine steile, steinige und staubige Strasse, auf der das Fahrzeug im Schritttempo den Hang emporrumpelt. Im Vordergrund schwingt eine Gebetskette am Innenspiegel hin und her, wie das Pendel einer Uhr.
Das Video illustriert, was die israelische Kontrolle der Bewegungsfreiheit mit Palästinenser*innen macht. Das Resultat ist gestohlene Lebenszeit, Schikane und Zermürbung, während die Siedler*innen auf exklusiven Schnellstrassen durch die Landschaft brausen.
Am Abend nach unserem Gespräch schickt uns Moritz Haegi noch eine Newsmeldung vom selben Tag: Mike Huckabee, amerikanischer Botschafter in Israel, hat Efrat besucht. Unter anderem weil er ein Haus in der Siedlung kaufen will.
Im Februar 2026 wird auch bekannt, dass die amerikanische Botschaft künftig in Efrat konsultarische Dienstleistungen im «Pop-Up»-Stil anbieten will – eine Massnahme, welche dem hohen Anteil amerikanischer Siedler*innen in Efrat entgegenkommen soll und die illegale Besatzung weiter zu legalisieren sucht.
Verbaute Zukunft
Mohamad kann von seinem Fenster die höchsten Gebäude von Efrat sehen. Seine Familie besitzt zudem Land, das direkt an die Siedlung grenzt. Im Innern der Siedlung war er noch nie. Er zählt auf, was er von aussen sehen kann: «Ich sehe einen Zaun und dahinter einen Kinderspielplatz, Orte zum Einkaufen, Wohnhäuser, Gärten und viele israelische Flaggen. Ich sehe neue, saubere Strassen und israelische Busse, welche die Siedlung mit Israel verbinden.»
Efrat wächst auf Kosten der palästinensischen Bevölkerung und ihres Landes. «Die Siedlung verbaut uns die Zukunft», sagt Mohamad. Er würde gerne ein ruhiges Leben führen: Heiraten, ein Haus bauen und Weinreben oder Olivenbäume kultivieren. Doch dafür fehle im Dorf zunehmend der Platz. Junge Menschen wie er sähen sich daher mit der schwierigen Entscheidung konfrontiert: Im Dorf bleiben, wo der Boden kaum mehr zum Leben reicht, oder in die Stadt ziehen, zum Beispiel nach Bethlehem, wo sie die Verbindung zur bäuerlichen Lebensweise und zum Land verlieren.
Im Sommer bei Wassermangel dreht die Besatzungsmacht dem palästinensischen Dorf das Wasser ab und gibt es dafür der Siedlung nebenan.
Auf den Schweizer Dozenten aus Efrat, David Bollag, angesprochen, meint Mohamad: «Wir leben sehr nahe voneinander, doch unsere Leben sind sehr verschieden.»
Der Dozent habe die Freiheit, zu kommen und zu gehen, wie er wolle; er benutze den Flughafen, fahre ungehindert auf den Strassen ans Meer oder nach Jerusalem, pendle sogar zur Arbeit in die Schweiz. Mohamad dagegen bereitet selbst einen Ausflug in ein naheliegendes Dorf vor. Die Einschränkungen seiner Bewegungsfreiheit durch die israelische Besatzung machten es ihm unmöglich, sein Leben und seine Arbeit verlässlich zu planen.
Der Dozent habe die Freiheit, zu kommen und gehen, wie er wolle; er benutze den Flughafen, fahre ungehindert auf den Strassen ans Meer oder nach Jerusalem, pendle sogar zur Arbeit in die Schweiz. Mohamad dagegen bereitet selbst einen Ausflug in ein naheliegendes Dorf vor. Die Einschränkungen seiner Bewegungsfreiheit machten es ihm unmöglich, sein Leben und seine Arbeit verlässlich zu planen.
Und im Sommer, wenn das Wasser knapp werde, drehe die Besatzungsmacht seinem Dorf das Wasser ab und gebe es dafür der Siedlung, wo der Dozent lebe. Das sei der Grund, warum kein Haus in Efrat einen Wassertank auf dem Dach habe, im Gegensatz zu palästinensischen Häusern.
Die alltäglichen Erfahrungen von Mohamad fügen sich in ein übergeordnetes Muster ein. Die Landenteignung und geografische Fragmentierung, die ungleiche Bewegungsfreiheit sowie der ungleiche Zugang zu lebenswichtigen Ressourcen wie Wasser sind gemäss Menschenrechtsorganisationen wie B’Tselem, Amnesty International oder Human Rights Watch Teil eines Systems der israelischen Apartheid. Dieses behandelt jüdische Siedler*innen und Palästinenser*innen systematisch ungleich und verfolgt das Ziel, die Dominanz der jüdischen Bevölkerung über die Palästinenser*innen zwischen dem Jordan und dem Mittelmeer längerfristig zu sichern.
Schweizer Unis in der Mitverantwortung
Einen persönlichen Groll gegen den Dozenten aus Efrat hegt Mohamad nicht. «Ich kenne diesen Mann nicht. Persönlich hat er mir nichts getan – und doch lebt er auf unserem Land und raubt uns damit unsere Zukunft.» Insofern sei der Dozent natürlich verantwortlich für sein Handeln, sagt Mohamad. Er wohne schliesslich freiwillig in der völkerrechtswidrigen Siedlung und profitiere somit vom System der Unterdrückung, das Palästinenser*innen Land und Rechte nimmt.
Und doch weiss Mohamad: «Wenn dieser Mann geht, gibt es andere die kommen.» Denn das eigentliche Problem sei die Politik der Landnahme, die israelische Regierungen seit Jahrzehnten vorantreiben.
«Die Schweizer Universität muss wissen, dass sie mit der Anstellung eines Mannes aus Efrat, das System der israelischen Besatzung unterstützt hat.»
Mohamad Zwahara, palästinensischer Filmemacher und Aktivist
Natürlich existiere individuelle Verantwortung, auch im Fall des Dozenten, doch das eigentliche Problem sei das System der Landnahme, das die wechselnden israelischen Regierungen seit Jahrzehnten vorantreiben, sagt Mohamad. «Die Schweizer Universität muss wissen, dass sie mit der Entscheidung, einen Mann aus Efrat anzustellen, das System der Besatzung unterstützt und dabei hilft den palästinensischen Traum zu beerdigen.» So habe die Universität schliesslich akzeptiert, dass der Dozent genau hier lebe.
Auch die Universität Luzern, die den Siedler über zwei Jahrzehnte angestellt hat, sieht er in der Mitverantwortung. «Die Schweizer Universität muss wissen, dass sie mit der Entscheidung, einen Mann aus Efrat anzustellen, das System der israelischen Besatzung unterstützt hat.» So habe die Universität schliesslich akzeptiert, dass der Dozent genau hier lebe.
Für Mohamad ist klar, dass Schweizer Universitäten eine Verantwortung haben, das System der Besatzung zu stoppen. «Sie könnten zum Beispiel mit den Leuten beginnen, die sie anstellen», sagt er mit Blick auf den Fall aus Luzern. Und: «Universitäten müssen verstehen, wie die Situation hier tatsächlich ist und was das Land für uns bedeutet. Sie müssen unsere Stimme hören – bevor es zu spät ist.»
Diese Publikation erfolgte in Zusammenarbeit zwischen baba news und das Lamm.
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