Essen sei «Ernährung, Kunst, Kultur, Sozialgeschichte und Zukunftsforschung zugleich», meint der Historiker Andrej Abplanalp vom Schweizerischen Nationalmuseum. Dabei ist Essen primär ein Wirtschaftszweig. Schliesslich sind die einzelnen Nahrungsmittel Waren wie jede andere auch.
Dieser moderne Wirtschaftszweig entstand im Zuge der Industrialisierung Englands durch immer komplexere Lieferketten. Die landwirtschaftliche Produktion und die Verarbeitung von Mitteln zum Verzehr fanden nicht mehr regional oder lokal statt. Stattdessen wurde Nahrung nun massenhaft hergestellt und zentralisiert. Zwar stiegen dadurch Effizienz und Erträge, und es konnten mehr Menschen mit den nötigen Kalorien versorgt werden. Gleichzeitig ging aber die Verantwortung der Produzierenden verloren.
Wenn zuvor im Dorf der Teig gestreckt wurde – ob mit Wasser, Kartoffeln oder gar Sägemehl – war klar, wer dafür verantwortlich war und wie man dagegen vorgehen konnte. So zumindest in der romantisierten Vorstellung der vorindustrialisierten Gesellschaft.
Danach wurde die Situation komplizierter: Im Produktionsvolumen grosser Bäckereien, Brauereien und Verarbeitungsstätten ging das bisschen Gift zum Strecken schlicht unter. Bei Widerstand versteckten sich die Fabrikherren hinter Schlägertrups oder Polizei. Der Staat wiederum fühlte sich im Geiste des freien Marktes nicht dafür zuständig, die Bevölkerung sicher zu ernähren.
Die Regulierung der Nahrungsmittelproduktion muss – genau wie der Achtstundentag – als Ergebnis des Klassenkampfes verstanden, geschützt und ausgebaut werden.
Die exponentielle Mehrwertproduktion – in Form der Warenproduktion – hat kein Gewissen und es ist ihr ziemlich egal, ob unzählige Leute an ihr erkranken oder verenden, solange der Profit stimmt.
In England Mitte des 19. Jahrhunderts griff der Staat keineswegs ein. Er deregulierte den Markt sogar noch weiter und hob das Brot- und Biergesetz (Assize of Bread and Ale Act) von 1266 auf – ein Gesetz, das bis dahin seit 600 Jahren galt. Dabei wussten zuständige staatliche Kommissionen über den horrenden Zustand des Marktes: Etwa zwei Drittel der dokumentierten Proben von Nahrungsmitteln und Medikamenten zwischen 1850 bis 1856 waren auf eine Art gestreckt. Das Streckungsmittel variierte dabei stark – von Wasser zu Knochenmehl bis Blei. Staat und Markt waren sich einig darin, dass das Essen gefälligst der Wirtschaft zu dienen habe.
Erst der Widerstand streikender Gewerkschaften und aufrührerischer Konsument:innen konnte diese Zustände im Lauf der Jahre verändern. Die Regulierung der Nahrungsmittelproduktion muss – genau wie der Achtstundentag – als Ergebnis des Klassenkampfes verstanden, geschützt und ausgebaut werden. Alle Versuche einer «food deregulation», wie sie derzeit etwa in den USA radikal vorangetrieben werden, müssen als das benannt werden, was sie sind: eine Horrorgeschichte. Eine Geschichte, die zwangsläufig in Krankheiten, Verelendung und Hungersnöten endet. Das hat wenig mit Bevormundung oder Konsumfreiheit zu tun.
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Heilige Kühe und staatliche Millionen
Wie die Journalistin Alex Tiefenbacher in ihrem Artikel bei das Lamm schreibt, beteiligt sich der Bund mit saftigen «48 Millionen Franken an der Entsorgung von Schlachtabfällen». Tiefenbacher folgert: In Zeiten der Klimakatastrophe müssten Subventionen dringend umgeleitet werden. Das gilt genauso für die Regulierung von Produktion und Verarbeitung. Denn die heutige Nahrungsmittelproduktion in der Schweiz bevorzugt klar tierische Produkte, satte 75 % der Subventionen fliessen in die tierische Landwirtschaft.
Das gibt nicht nur zu denken, weil tierische Lebensmittel viel klimaschädlicher sind als Gemüse, Obst und Hülsenfrüchte, sondern auch wegen ihrer extremen Ineffizienz bei der Versorgung der Bevölkerung. Dahinter steckt weder Vernunft noch Tradition, wie Verbände und Parteien gerne behaupten, sondern die reine Ideologie eines Wirtschaftszweigs. In der Schweiz ist die Kuh und ihr Verzehr eben heilig und hat längst den Gott aus Brot der christlichen Kirchen verdrängt – dieser läuft nämlich Gefahr, vegan zu sein.
Wie ein guter Wein erst durch ein schönes Etikett veredelt wird, wird die rechte Politik erst durch die Wurst schmackhaft gemacht.
Derselbe Mechanismus zeigt sich in der deutschen Politik: Die Angst und Hetze von Alice Weidel, man wolle ihr das Schnitzel wegnehmen, funktioniert nur aus einem Grund: Weil es in jeder noch so abgelegenen Beiz genau denselben Schnitzelteller gibt. Vermeintliche Konsumfreiheit bedeutet hier: Jede Beiz bietet exakt dasselbe an, hauptsache es wurde gemordet dafür.
Die inszenierte Sorge um Schnitzel und Wurst zeigt deutlich: Es geht hier gar nicht um die Wurst. Es geht um einen gezielten Kulturkampf als Werbung in eigener Sache. Verkauft wird nämlich nicht nur Fleisch, sondern auch die AfD. Frei nach dem Motto: «Wenn alles bleiben soll, wie es ist, muss sich alles ändern.»
Auf den Plakaten der Kampagne gegen die Ernährungsinitiative versteckt sich im gegrillten Cervelat ganz unverhüllt die Politik der SVP. Wie ein guter Wein erst durch ein schönes Etikett veredelt wird, wird die rechte Politik erst durch die Wurst schmackhaft gemacht. Es ist eben nicht nur das Auge, das mitisst und eben nicht nur der Kopf, der wählen geht.
Nachhaltige Versorgung statt Cervelat-Subvention
Die übersubventionierte Fleisch- und Milchproduktion kann auf Dauer nicht so weitergehen. Das wissen die betroffenen Konzerne selbst am besten. Schliesslich sind es dieselben Unternehmen, die vegetarische und vegane Alternativen verkaufen und gleichzeitig Schlachthöfe betreiben.
Was als Nischenmarkt begann, wird in den nächsten Jahren immer öfter auf unseren Tellern landen. Die Konzerne können sich auch ohne kulturkämpferisches Getue beide Märkte einverleiben. Dem Kapital ist es schliesslich völlig egal, ob der Profit aus einer Wurst oder einem Sojaschnitzel stammt.
Bevor Essen wieder zum Genuss werden kann, muss es zuerst eine Aufgabe der staatlichen Grundversorgung werden. Nur so lässt sich sicherstellen, dass Nahrung als rein profitorientierter Wirtschaftszweig an Bedeutung verliert. Freilich ist die Ernährungsinitiative allein dazu nicht in der Lage, stellt wohl aber den Versuch dar, die scharfen Kanten der kommenden harten Tatsachen weicher zu zeichnen.
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