Die sogenannte Bonzenfasnacht steht vor der Tür: das Sechseläuten. Zum Frühlingsbeginn ziehen Zünftler in historischen Trachten zu Fuss, auf Pferden, in festlichen Wagen oder sogar mit Kamelen am Zügel durch die Altstadt. Der Höhepunkt des Tages: Pünktlich um 18:00 Uhr wird der Böögg verbrannt, um den Winter zu vertreiben.
Die Tradition des bürgerlichen Festes geht in die Neuzeit zurück: Nach der französischen Revolution 1789 verloren die Zünfte in Zürich an politischer Macht, blieben aber eng mit den städtischen Eliten verbunden. Um ihre Bedeutung weiterhin zu demonstrieren, machten sie in den 1810er-Jahren Umzüge, aus denen sich später das Sechseläuten entwickelte. Die historische Macht und der Reichtum der Zünfte lassen sich auch auf koloniale Verflechtungen zurückführen.
Seit den ersten Umzügen hat sich das Fest sehr gewandelt. Heute sitzen in den Zünften keine Handwerksmeister mehr. Stattdessen zahlen die Zünftler teils mehrere hundert Franken für Mitgliederbeiträge, teure Eintrittsgeschenke und kostspielige Kostüme.
Der Historiker Valentin Groebner beschreibt das Sechseläuten als «Reenactment einer Vergangenheit, die es auf diese Weise nie gegeben hat» und verweist damit auf die inszenierte Traditionspflege des Anlasses.
Seit 2024 ist sogenanntes Brownfacing bei der «Zunft zum Kämbel» nicht mehr obligatorisch, sondern freiwillig.
Bis 1798 war es üblich, dass die ganze Familie, inklusive Ehefrauen und Töchter, Mitglied einer Zunft war. Obwohl es in der Vergangenheit tatsächlich Zünftlerinnen gab, durften sie seit den 1950er-Jahren nicht mehr mitlaufen. Heute gestatten drei von 26 Zünften offiziell die Mitgliedschaft für Frauen – sofern sie die Tochter eines Zünftlers sind.
Immer wieder werden die Zünfte wegen rassistischer Praktiken kritisiert. Die «Zunft zum Kämbel» die seit 1905 bis heute mit Kamelen am Umzug teilnimmt, stand vermehrt wegen «Brownfacing» und kultureller Aneignung in der Kritik. Seit 2024 stellt die Zunft, zu der auch Roger Köppel gehört, ihren Mitgliedern frei, ob sie sich schminken wollen oder nicht. Laut Zunftmeister Christian Bretscher hängt diese Lockerung der Vorschriften aber nicht mit der Rassismus-Kritik zusammen und habe keine «moralischen Gründe».
Die Zünfte sehen indes keinen Handlungsbedarf. Victor Rosser, Sprecher des Zentralkomitees der Zünfte Zürichs, sagt dazu: «Einen Leitfaden gegen Diskriminierung gibt es nicht, weil es nicht nötig ist. Dass wir Rassismus und Antisemitismus ablehnen, ist selbstverständlich.»
Machtkritischer Journalismus überlebt nur mit deiner Hilfe!

