Die Schweiz. Eine Nation der Mehrsprachigkeit, der Neutralität, des Kantönligeists. Sie ist der Ursprung der Aufklärung, der Ort, an dem die Meritokratie siegt und den Klassenkampf übertönt. Hierzulande kann man alles erreichen, auch wenn man das Kind geflüchteter Menschen ist. Die Schweiz hat ein Bildungssystem, das alle auffängt, und wer sich Mühe gibt, findet hier auch einen Job und Wohlstand.
Doch was passiert, wenn diese Mythen nicht mehr gelten? Was, wenn die Bevölkerung ihr Leiden unter der kapitalistischen Ökonomie zu spüren beginnt? Anstatt zu verstehen, dass die Krisen systemisch bedingt sind, werden Sündenböcke gesucht. Menschen, die Schuld am «Marktversagen» tragen. Menschen, die ganz klar und deutlich erkennbar sind. Menschen aus der Dritten Welt, die hier zu viel Platz einnehmen. Sie sind schuld an der Rezession, am Versagen der Politik und am Schwinden der Schweizer Identität
Die Schweiz hasst uns, seit wir hier sind. Wir waren schon immer keine echten Geflüchteten, nicht integrierbar und Sozialschmarotzer obendrein. Immer wieder werden wir daran erinnert. Auch diese Nachhaltigkeitsinitiative ist eine solche Erinnerung. Eine klare Botschaft an mich persönlich: Du bist keine Schweizerin, du trägst Schuld an allem und menschlich bist du sowieso nicht.
Dieser Text erscheint am Montag nach der Abstimmung. Ich schreibe ihn eine Woche vorher. Was das Ergebnis ist, spielt für mich keine Rolle. Bei einem Sieg der Initiative haben die weissen Ideen der Menschlichkeit einmal mehr gesiegt. Die Gutmenschen haben versagt. Wenn die Initiative verliert, feiern die Linksliberalen ihren antirassistischen Sieg, obwohl wir für sie nur Arbeitskräfte sind. Sie würden sich in ihrer Gegenkampagne bestärkt fühlen, die uns zu Humankapital statt zu Menschen macht. Jede Kritik wäre vergessen.
Als wären wir ein notwendiges Übel für den Erhalt des Schweizer Wohlstandes.
Ich wusste schon seit Monaten, dass diese Initiative kommen würde. Seit Monaten weiss ich, dass der Abstimmungskampf schlimm werden wird. Ich kenne keine Schweiz ohne solche Kampagnen. Keine Schweiz, in der ich mich nicht für meine blosse Anwesenheit bedanken muss. Keine Schweiz, die mich als ihre Bürgerin sieht. Und doch treffen mich diese Initiative und ihre Gegenkampagne viel tiefer als erwartet. Als hätte sie genau das erreicht, was sie wollte.
Seit Wochen bin ich freundlicher auf der Strasse und begrüsse jede Person, die mich ansieht. Ich überlege mir dreimal, was ich anziehe und wie viel Platz ich einnehme. So haben sich auch meine Eltern gefühlt, als sie in die Schweiz kamen, und so haben sie mich erzogen. Ich soll auf keinen Fall Aufmerksamkeit erregen, sondern einfach für mich selbst sorgen. Ihnen gefiel es gar nicht, dass ich mich in der Schule immer wieder für andere einsetzte. Sie hatten Angst, dass ich am Ende wieder die Schuld für alles tragen würde.
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Die Gegenkampagne der linksliberalen Organisationen und Parteien, die sich fast ausschliesslich auf «die Wirtschaft» konzentrierte, war abzusehen. Die Linken sehen uns auch nur nur als temporäre Arbeitskräfte, die etwas leisten sollen. Auf den Angriff gegen das Menschen- und Asylrecht wird gar nicht erst eingegangen, als wüssten diese sogenannten Linken schon längst, dass die Schweizer Bevölkerung keine Empathie für nichteuropäische Körper hat. Als wären die Schweizer*innen sowieso gegen uns. Als wären wir ein notwendiges Übel für den Erhalt des Schweizer Wohlstandes, aber mehr dann auch nicht. Habe ich keinen Wert, wenn ich nicht arbeiten und leisten kann?
Mythen und Werte der Schweiz
Die Frage nach der Integrierbarkeit von Asylsuchenden aus der «Dritten Welt», also Menschen wie meinen tamilischen Eltern, wurde vor weniger als 35 Jahren bis in die Mitte der Gesellschaft diskutiert. Können wir uns in die kapitalistische Gesellschaft integrieren? Sind wir überhaupt fähig, aufgeklärt zu sein? Sind wir der Schweizer Integrität würdig?
Kapitalismus, Aufklärung und Schweizertum sind europäische Ideen. Sie prägen die Weltordnung. Sie prägen die Argumente des Linksliberalen ebenso wie die Sündenböcke der Faschist*innen. Ich muss immer wieder daran erinnern, dass auch tamilische Personen einst als angsteinflössende Asylant*innen und Terrorist*innen galten. Folglich haben wir uns zurückgezogen. Die Schweiz liess uns keine andere Wahl. Wir mischen uns nicht ein, fordern keinen Platz und arbeiten ohne Ende. Die Schweizer Integration kann gelingen – wir sind das perfekte Beispiel.
Schweizer*innen sind wir aber nicht – wir bleiben «Tamilen».
Die Initiative spricht von Dichtestress, überfüllten Zügen und dem Sicherheitsgefühl der Schweizer*innen. Alles, was muslimisch oder nicht weiss ist, wird von der Bevölkerung als Bedrohung wahrgenommen. Die Botschaft ist klar: Schau dich um! Die Ausländer*innen haben Wohnungen und Jobs, die «unsere Leute» nicht haben. Sie nehmen den öffentlichen Raum ein und fordern eine Pluralität, die von der Schweiz finanziert werden muss.
Der Schweizer ist empört und wir werden mal wieder zu Sündenböcken gemacht. Durch die Nachhaltigkeitsinitiative haben sie wieder das Recht, mich rassistisch anzuschreien oder laut zu seufzen, wenn sie meinen Namen aussprechen müssen. Sie gibt ihnen das Recht, uns öffentlich und lautstark zu hassen – und das ganz unabhängig vom Resultat der Abstimmung.
Ich werde nie zu eurer Schweiz gehören.
Auch wenn ich nur die Schweizer Staatsbürgerschaft besitze. Auch wenn ich hier geboren bin und hier sterben werde. Auch wenn ich den Kanton Zürich noch nie länger als einen Monat verlassen habe. Ich bleibe hier zu Gast.
Ich soll mich hier nicht zu Wort melden oder Platz einfordern, sondern einfach so unauffällig und segregiert leben wie meine Eltern. Die Botschaft, dass ich hier nicht hingehöre, ist angekommen. Mein Körper ist hier nicht willkommen. Ich werde nie zu eurer Schweiz gehören.
Selbst wenn diese Initiative angenommen wird, werden wir alle noch hier sein. Wir werden hier weiterleben, weiterkämpfen und sterben. Aber auch unsere nächste Generation wird von den Schweizer*innen gefragt werden, woher sie denn ursprünglich herkommt. Auch wenn sie nie etwas anderes kennengelernt haben als den Kanton Zürich. Sie werden weiterhin mit weissen Kindern zur Schule gehen und hier arbeiten. Sie werden weiterhin glauben, dass nur die Leistung zählt. Und sie werden trotz alledem wahrscheinlich dem Mythos der Schweiz glauben, der ihnen vorgaukelt, dass jede weitere Person, die in die Schweiz migriert, ihr neues Daheim zerstören wird. Sie werden daran glauben, dass diese Oase im Herzen Europas beschützt werden muss vor Fremden. Doch auch sie werden für immer Gäste bleiben. Egal, was die Schweiz abstimmt: Wir werden nie Schweizer*innen sein.
«Mythos ist schon Aufklärung, und Aufklärung schlägt in Mythologie zurück», schrieben Adorno und Horkheimer. Sie meinten damit, dass die Moderne den Mythos nicht überwunden hat, sondern sich lediglich einen neuen geschaffen hat. Die Schweiz bildet da keine Ausnahme. Die Demokratie, die Neutralität, die Qualität, der Zusammenhalt – der perfekte Mythos der Schweiz, ein Märchen und mehr nicht. Wie jede Mythologie braucht auch dieser Mythos ein Aussen, einen Fremdkörper, der das Eigene erst sichtbar macht. Meinen Körper.
Danke, liebe SVP, dass du mich immer wieder daran erinnerst. Und danke auch an alle, die glauben, sie hätten mit diesem Mythos nichts zu tun.
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