Will­kommen sind wir trotzdem nicht

Die Schweizer Stimm­be­völ­ke­rung hat über den Bevöl­ke­rungs­deckel der SVP entschieden. Die Initia­tive gibt den Schweizer*innen das Recht, uns migran­ti­sierte Personen mal wieder öffent­lich und laut­stark zu hassen – und das ganz unab­hängig vom Resultat der Abstimmung. 
Die Schweiz hat sich den perfekten Mythos ihrer eigenen Identität gebildet. Eine vermeintliche Oase, die vor Fremden geschützt werden muss. (Bild: Dino Reichmuth / Unsplash)

Die Schweiz. Eine Nation der Mehr­spra­chig­keit, der Neutra­lität, des Kantön­li­geists. Sie ist der Ursprung der Aufklä­rung, der Ort, an dem die Meri­to­kratie siegt und den Klas­sen­kampf über­tönt. Hier­zu­lande kann man alles errei­chen, auch wenn man das Kind geflüch­teter Menschen ist. Die Schweiz hat ein Bildungs­sy­stem, das alle auffängt, und wer sich Mühe gibt, findet hier auch einen Job und Wohlstand.

Doch was passiert, wenn diese Mythen nicht mehr gelten? Was, wenn die Bevöl­ke­rung ihr Leiden unter der kapi­ta­li­sti­schen Ökonomie zu spüren beginnt? Anstatt zu verstehen, dass die Krisen syste­misch bedingt sind, werden Sünden­böcke gesucht. Menschen, die Schuld am «Markt­ver­sagen» tragen. Menschen, die ganz klar und deut­lich erkennbar sind. Menschen aus der Dritten Welt, die hier zu viel Platz einnehmen. Sie sind schuld an der Rezes­sion, am Versagen der Politik und am Schwinden der Schweizer Identität

Die Schweiz hasst uns, seit wir hier sind. Wir waren schon immer keine echten Geflüch­teten, nicht inte­grierbar und Sozi­al­schma­rotzer oben­drein. Immer wieder werden wir daran erin­nert. Auch diese Nach­hal­tig­keits­in­itia­tive ist eine solche Erin­ne­rung. Eine klare Botschaft an mich persön­lich: Du bist keine Schwei­zerin, du trägst Schuld an allem und mensch­lich bist du sowieso nicht.

Dieser Text erscheint am Montag nach der Abstim­mung. Ich schreibe ihn eine Woche vorher. Was das Ergebnis ist, spielt für mich keine Rolle. Bei einem Sieg der Initia­tive haben die weissen Ideen der Mensch­lich­keit einmal mehr gesiegt. Die Gutmen­schen haben versagt. Wenn die Initia­tive verliert, feiern die Links­li­be­ralen ihren anti­ras­si­sti­schen Sieg, obwohl wir für sie nur Arbeits­kräfte sind. Sie würden sich in ihrer Gegen­kam­pagne bestärkt fühlen, die uns zu Human­ka­pital statt zu Menschen macht. Jede Kritik wäre vergessen.

Als wären wir ein notwen­diges Übel für den Erhalt des Schweizer Wohlstandes.

Ich wusste schon seit Monaten, dass diese Initia­tive kommen würde. Seit Monaten weiss ich, dass der Abstim­mungs­kampf schlimm werden wird. Ich kenne keine Schweiz ohne solche Kampa­gnen. Keine Schweiz, in der ich mich nicht für meine blosse Anwe­sen­heit bedanken muss. Keine Schweiz, die mich als ihre Bürgerin sieht. Und doch treffen mich diese Initia­tive und ihre Gegen­kam­pagne viel tiefer als erwartet. Als hätte sie genau das erreicht, was sie wollte.

Seit Wochen bin ich freund­li­cher auf der Strasse und begrüsse jede Person, die mich ansieht. Ich über­lege mir dreimal, was ich anziehe und wie viel Platz ich einnehme. So haben sich auch meine Eltern gefühlt, als sie in die Schweiz kamen, und so haben sie mich erzogen. Ich soll auf keinen Fall Aufmerk­sam­keit erregen, sondern einfach für mich selbst sorgen. Ihnen gefiel es gar nicht, dass ich mich in der Schule immer wieder für andere einsetzte. Sie hatten Angst, dass ich am Ende wieder die Schuld für alles tragen würde.

Die Gegen­kam­pagne der links­li­be­ralen Orga­ni­sa­tionen und Parteien, die sich fast ausschliess­lich auf «die Wirt­schaft» konzen­trierte, war abzu­sehen. Die Linken sehen uns auch nur nur als tempo­räre Arbeits­kräfte, die etwas leisten sollen. Auf den Angriff gegen das Menschen- und Asyl­recht wird gar nicht erst einge­gangen, als wüssten diese soge­nannten Linken schon längst, dass die Schweizer Bevöl­ke­rung keine Empa­thie für nicht­eu­ro­päi­sche Körper hat. Als wären die Schweizer*innen sowieso gegen uns. Als wären wir ein notwen­diges Übel für den Erhalt des Schweizer Wohl­standes, aber mehr dann auch nicht. Habe ich keinen Wert, wenn ich nicht arbeiten und leisten kann?

Mythen und Werte der Schweiz

Die Frage nach der Inte­grier­bar­keit von Asyl­su­chenden aus der «Dritten Welt», also Menschen wie meinen tami­li­schen Eltern, wurde vor weniger als 35 Jahren bis in die Mitte der Gesell­schaft disku­tiert. Können wir uns in die kapi­ta­li­sti­sche Gesell­schaft inte­grieren? Sind wir über­haupt fähig, aufge­klärt zu sein? Sind wir der Schweizer Inte­grität würdig?

Kapi­ta­lismus, Aufklä­rung und Schwei­zertum sind euro­päi­sche Ideen. Sie prägen die Welt­ord­nung. Sie prägen die Argu­mente des Links­li­be­ralen ebenso wie die Sünden­böcke der Faschist*innen. Ich muss immer wieder daran erin­nern, dass auch tami­li­sche Personen einst als angst­ein­flös­sende Asylant*innen und Terrorist*innen galten. Folg­lich haben wir uns zurück­ge­zogen. Die Schweiz liess uns keine andere Wahl. Wir mischen uns nicht ein, fordern keinen Platz und arbeiten ohne Ende. Die Schweizer Inte­gra­tion kann gelingen – wir sind das perfekte Beispiel.

Schweizer*innen sind wir aber nicht – wir bleiben «Tamilen».

Die Initia­tive spricht von Dich­te­stress, über­füllten Zügen und dem Sicher­heits­ge­fühl der Schweizer*innen. Alles, was musli­misch oder nicht weiss ist, wird von der Bevöl­ke­rung als Bedro­hung wahr­ge­nommen. Die Botschaft ist klar: Schau dich um! Die Ausländer*innen haben Wohnungen und Jobs, die «unsere Leute» nicht haben. Sie nehmen den öffent­li­chen Raum ein und fordern eine Plura­lität, die von der Schweiz finan­ziert werden muss. 

Der Schweizer ist empört und wir werden mal wieder zu Sünden­böcken gemacht. Durch die Nach­hal­tig­keits­in­itia­tive haben sie wieder das Recht, mich rassi­stisch anzu­schreien oder laut zu seufzen, wenn sie meinen Namen ausspre­chen müssen. Sie gibt ihnen das Recht, uns öffent­lich und laut­stark zu hassen – und das ganz unab­hängig vom Resultat der Abstimmung.

Ich werde nie zu eurer Schweiz gehören.

Auch wenn ich nur die Schweizer Staats­bür­ger­schaft besitze. Auch wenn ich hier geboren bin und hier sterben werde. Auch wenn ich den Kanton Zürich noch nie länger als einen Monat verlassen habe. Ich bleibe hier zu Gast.

Ich soll mich hier nicht zu Wort melden oder Platz einfor­dern, sondern einfach so unauf­fällig und segre­giert leben wie meine Eltern. Die Botschaft, dass ich hier nicht hinge­höre, ist ange­kommen. Mein Körper ist hier nicht will­kommen. Ich werde nie zu eurer Schweiz gehören.

Selbst wenn diese Initia­tive ange­nommen wird, werden wir alle noch hier sein. Wir werden hier weiter­leben, weiter­kämpfen und sterben. Aber auch unsere nächste Gene­ra­tion wird von den Schweizer*innen gefragt werden, woher sie denn ursprüng­lich herkommt. Auch wenn sie nie etwas anderes kennen­ge­lernt haben als den Kanton Zürich. Sie werden weiterhin mit weissen Kindern zur Schule gehen und hier arbeiten. Sie werden weiterhin glauben, dass nur die Leistung zählt. Und sie werden trotz alledem wahr­schein­lich dem Mythos der Schweiz glauben, der ihnen vorgau­kelt, dass jede weitere Person, die in die Schweiz migriert, ihr neues Daheim zerstören wird. Sie werden daran glauben, dass diese Oase im Herzen Europas beschützt werden muss vor Fremden. Doch auch sie werden für immer Gäste bleiben. Egal, was die Schweiz abstimmt: Wir werden nie Schweizer*innen sein.

«Mythos ist schon Aufklä­rung, und Aufklä­rung schlägt in Mytho­logie zurück», schrieben Adorno und Hork­heimer. Sie meinten damit, dass die Moderne den Mythos nicht über­wunden hat, sondern sich ledig­lich einen neuen geschaffen hat. Die Schweiz bildet da keine Ausnahme. Die Demo­kratie, die Neutra­lität, die Qualität, der Zusam­men­halt – der perfekte Mythos der Schweiz, ein Märchen und mehr nicht. Wie jede Mytho­logie braucht auch dieser Mythos ein Aussen, einen Fremd­körper, der das Eigene erst sichtbar macht. Meinen Körper.

Danke, liebe SVP, dass du mich immer wieder daran erin­nerst. Und danke auch an alle, die glauben, sie hätten mit diesem Mythos nichts zu tun.


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