Samstagnachmittag auf dem Europaplatz in Zürich: Auf einer Fläche von etwa 30 Quadratmetern sind verwaiste Schuhpaare aufgestellt. Turnschuhe, Arbeitsschuhe, Flipflops, Winterstiefel, Wanderschuhe, Rennradschuhe, Ballerinas. Kinderschuhe, Schuhe von Jugendlichen und Erwachsenen. Insgesamt sind es um die 300 Paare. Die Besitzer*innen der Schuhe jedoch: Sie fehlen.
Sie sind an Myalgischer Enzephalomyelitis (ME) und Long-Covid erkrankt. ME ist eine schwere, neurologische Multisystemerkrankung. Sie wird häufig durch einen viralen Infekt ausgelöst, beispielsweise durch das Epstein-Barr-Virus, Influenza oder das Coronavirus. In der Schweiz leben derzeit schätzungsweise 60’000 bis 80’000 Menschen mit dieser Erkrankung, weitere rund 400’000 mit Long-Covid, den Langzeitfolgen einer Corona-Infektion. Bei einigen Tausend von ihnen entwickelt sich mit der Zeit ME.
«Sie kann nur existieren.»
Lukas über den Zustand seiner Freundin Leila, die an ME erkrankt ist
Die Aktion, die am 9. Mai auf dem Europaplatz stattfand, ist Teil von #MillionsMissing, einer weltweiten Protestbewegung von ME-Erkrankten, ihren Angehörigen und Unterstützer*innen. Dieses Jahr hat die Aktion der Verein ME/CFS organisiert. Sie wurde bewusst nah am internationalen Tag für ME/CFS am 12. Mai geplant.
Die Aktion soll auf die desolate Versorgungslage und dringend nötige Forschung aufmerksam machen. Auch um Aufklärung geht es: ME ist zwar seit 1969 von der WHO anerkannt und als neuroimmunologisch eingestuft, im Gesundheitssystem aber oft weitgehend unbekannt. Die Betroffenen leiden unter Stigmatisierung und fehlender Anerkennung.

Fehlende Versorgung
So wie bei Leila R., 39, und deren Freund Lukas W., 28, die beide eigentlich anders heissen. An diesem Samstag ist Lukas für seine Freundin an der Kundgebung. Sie selbst ist an schwerster ME erkrankt, liegt seit fast zwei Jahren im Pflegebett in einem abgedunkelten Zimmer bei ihren Eltern.
Offiziell gibt es vier Kategorien der Krankheit: mild, moderat, schwer und schwerst. Schwerste ME bedeutet: «Sie kann nicht aufstehen, erträgt kein Tageslicht, erträgt keine Musik, keinen Podcast, kann sich nicht beschäftigen, nicht zeichnen, nicht malen. Sie kann nur existieren», beschreibt Lukas den Zustand seiner Freundin.
Gepflegt wird Leila von ihrer Mutter, ihren Tanten, ihrem Vater und eben Lukas. Sie hat sich im Februar 2024 mit Corona infiziert. Nachdem die Ärzt*innen sie ein halbes Jahr fehldiagnostiziert und dadurch fehlbehandelt haben, erlitt Leila im August den Crash, der sie nie wieder aufstehen liess. Eine IV-Rente bekommt sie bis heute nicht.
Bis heute existiert keine anerkannte Therapieform für ME.
«Die IV konnte sich gar nicht vorstellen, wie schlecht es Leila geht», sagt ihr Freund. «Sie dachten, Leila würde simulieren.» Leilas Familie bringt den Fall vor Gericht – sie verlieren. Denn das Gericht konsultierte eine Ärztin zu Leilas Zustand. Diese meinte – ohne die Patientin je gesehen zu haben –, Leila solle sich im Liegendtransport zum Gutachten nach Bern bringen lassen.
Dass so ein Liegendtransport zu einer PENE, einer Post-Exertional Neuroimmun Exhaustion, geführt hätte, wurde durch die Ärztin ignoriert. Dabei ist die PENE das Hauptsymptom von ME und bedeutet eine massive Verschlechterung aller Symptome nach Überanstrengung. Da die Verschlechterung typischerweise erst ein bis zwei Tage nach der Überanstrengung auftritt, sehen viele Ärzt*innen und Gutachter*innen diese nicht.
Für Leila R. hätte der Transport lebensgefährlich sein können. Ihre Familie bat stattdessen um ein Gutachten bei Leila zuhause. Die IV unterstellte Leila R. daraufhin Verweigerung ihrer Mitwirkungspflicht und lehnte ihren Antrag auf Invalidenrente ab.

Fehlende Forschung
Neben der PENE hat die Krankheit über 200 weitere Symptome: Schmerzen, gestörter Schlaf, Reizintoleranz und Muskelschwäche gehören zu den charakteristischen Symptomen der ME. Dazu kommen Beschwerden wie Konzentrationsstörungen, Gedächtnisverlust, Herzrhythmusstörungen und erhöhte Infektanfälligkeit.
Die Entstehung der Krankheit ist bis heute wissenschaftlich nicht abschliessend geklärt. Eine anerkannte Therapieform existiert ebenfalls nicht. Auch an Forschung, politischen Strategien oder Förderungen der Betroffenen mangelt es auf allen Ebenen.
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«Kollektives Versagen während der letzten Jahrzehnte» nennt Chantal Britt, Präsidentin des Vereins Long-Covid Schweiz, diese fehlende Forschungslage in ihrer Rede auf dem Europaplatz. Die Gründe, warum bisher nicht in Forschung investiert wurde, sieht sie unter anderem darin, dass «die Symptome, Schwerbetroffene und ihr Leid unsichtbar sind.» Weil die Erkrankung «psychologisiert, falsch eingeordnet und bagatellisiert wurde.» Und sie ergänzt: «Auch weil Frauen öfter betroffen sind.»
Tatsächlich sind rund zwei Drittel der Betroffenen Frauen. Dieser Umstand – Stichwort «Gender Health Gap» – und die Unfähigkeit der Fachwelt eine eindeutige physiologische Ursache für die Krankheit zu finden, führten in den 1970 und 80er Jahren dazu, die Krankheit als rein psychosomatisch einzuordnen. Bis heute trägt die Krankheit durch die Bezeichnung ME/CFS den irreführenden Zweitnamen «Chronic Fatigue Syndrom». Dabei hat die Krankheit mit simpler Müdigkeit überhaupt nichts zu tun.
Stigmatisierung
Auch Jasmine H., 37, und Tim K., 24, kennen diese Stigmatisierungen. Beide werden als «moderat betroffen» eingestuft. Beide sind 100% arbeitsunfähig. Für Tim K. sind diese Kategorien verharmlosend: «Auch jemand, der «mild betroffen» ist, ist in seinem Leben schon sehr stark eingeschränkt.»
Jasmine H. ist seit fünf Jahren erkrankt. Sie ist auf die Pflege ihres Ehemanns angewiesen. «Ich kann nicht mehr allein wohnen. Ich müsste zurück zu meinen Eltern. Ich kann meine Haare nicht allein waschen, sie nicht allein föhnen», sagt sie. Sie bekommt zwar IV-Rente, aber nicht aufgrund ihrer ME. Laut Gutachten habe sie «psychisch einen Riesenschaden.» Und das, obwohl die Corona-Infektion auf der Arbeit passierte und später sogar als Arbeitsunfall anerkannt wurde.
Das Risiko für Suizid bei ME ist im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung um ein Siebenfaches höher.
Tim K. ist seit zweieinhalb Jahren krank, «verhältnismässig kurz», meint er und spielt damit auf die Dauer der Krankheit an, mit der andere Betroffene zu leben haben. Tim K. ist im Alltag auf die Unterstützung seiner Eltern angewiesen. «Beim ersten Telefonat mit der IV-Stelle wurde mir gesagt, dass sie die Krankheit nicht kennen.» Als er ihnen das Krankheitsbild erklärte, lautete die Antwort der IV: «Das geht wieder weg».
Das Hauptproblem des fehlenden Verständnisses im Gesundheitswesen und der gesamten Gesellschaft sieht Tim K. in der Mystifizierung des Krankheitsbildes. «Du musst Geduld haben, positiv denken, dich da wieder rauskämpfen», solche Sätze habe er schon sehr oft gehört. «Es wird einem ein neoliberales Mindset übergestülpt, wie man bei anderen Erkrankungen wie Diabetes, MS oder Krebs nie in diesem Ausmass machen würde!»

Im Schneckentempo in Richtung Verbesserung
Es sind die vielen Suizide der Betroffenen von ME, die Nicole Spillmann besonders beunruhigen. Als Präsidentin des Vereins ME/CFS Schweiz setzt sie sich seit 17 Jahren für Betroffene und deren Angehörige ein. Tatsächlich ist das Risiko für Suizid bei ME im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung um ein Siebenfaches höher. «Die Betroffenen sind schon so lange unterversorgt und haben von der Politik so wenig Hoffnung vermittelt bekommen. Das ist katastrophal», sagt sie im Gespräch nach der Aktion auf dem Europaplatz. «Trotz allem müssen wir hoffnungsvoll bleiben – wir haben keine andere Wahl».
Einen kleinen Lichtblick gibt es in der Schweiz tatsächlich. Im Herbst 2025 überwies Nationalrat Lorenz Hess die Motion für eine «Nationale Strategie zur Verbesserung der gesundheitlichen Situation von Menschen mit ME/CFS und Long Covid». Anfang des Jahres 2026 hat das Bundesamt für Gesundheit mit den Vorbereitungen zur Erarbeitung der Strategie begonnen. Die Patient*innenorganisationen setzen grosse Hoffnung in diese Strategie.
Für Tim K. ist seine Zukunft ungewiss. Der 24-Jährige hofft darauf darauf, dass «in den nächsten zehn Jahren eine wirksame Therapie» gefunden wird, «damit ich mein Leben wieder aufnehmen kann.»
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