Politische Kritik an der Fussball-Weltmeisterschaft gibt es von links bis liberal: Die FIFA ist eine korrupte Verbrecherorganisation, die Menschenrechte mit Füssen tritt. Der FIFA-Präsident Infantino ist mit seinen kuriosen Video-Statements längst zum Meme geworden. Der diesjährige Gastgeberstaat, die USA, führt einen imperialistischen Angriffskrieg gegen den Iran und unterstützt Israel beim Genozid gegen die palästinensische Bevölkerung und bei der Invasion des Libanon. Im Inland ist die Jagd auf migrantische Personen durch die mörderische Abschiebebehörde ICE eröffnet; von der FIFA akkreditierten Schiedsrichtern wird die Einreise verweigert.
Auch ist es unbestritten, dass die Auswirkung von Fussball-Patriotismus gefährlich ist: Das Public Viewing auf dem Dorfplatz kann für Migrant*innen oder queere Menschen bedrohlich werden. Genauso werden zu (Männer-)Fussball-Grossereignissen wie der WM vermehrt die eigenen vier Wände zum Tatort häuslicher Gewalt.
Das Problem der Weltmeisterschaft liegt im falschen Bewusstsein, welches durch nationale Trikots, Schweizerwappen im Gesicht und Fahnen am Balkon genährt wird.
Doch diese moralistische Kritik an Funktionären, Austragungsorten und Gewaltexzessen wird in diesen Zeiten oberflächlich geführt. Immer schwingt der Grundgedanke mit, dass der Fussball an sich unschuldig sei und nur von den falschen Leuten gekapert wurde. Das Problem der Weltmeisterschaft liegt aber tiefer: Es liegt im falschen Bewusstsein, welches durch nationale Trikots, Schweizerwappen im Gesicht und Fahnen am Balkon genährt wird.
Wer mit der «Nati» mitfiebert, tut das schliesslich nicht, weil sich nach einer Analyse aller Mannschaften herausgestellt hat, dass einem das Schweizerische am besten gefällt. Man feiert das Schweizer Team aus einem einzigen Grund: weil man sich als Schweizer*in begreift und mit diesem Nationalstaat identifiziert. Natürlich ist man für die Schweizer Mannschaft – man ist ja schliesslich Schweizer*in.
Der Nationalmythos Schweiz
Die Schweiz entstand nicht dadurch, dass sich eine Gruppe Menschen mit gemeinsamen Werten und Traditionen als Volk identifiziert und folglich einen Staat geschaffen hat – es ist der Staat, der sich sein eigenes Volk schafft. Die Nation konstruiert sich ihren eigenen Mythos und die damit einhergehende Heldengeschichte.
So wird der Nationalfeiertag am 1. August, der an den Rütlischwur 1291 erinnern soll, erst seit 1891 gefeiert. Damals kommentierte eine Zeitung, das Datum sei sonderbar gewählt und müsse «künstlich in das Schweizer Volk hineingetragen werden». Bis ins 19. Jahrhundert wurde die Gründung der alten Eidgenossenschaft auf den 8. November 1307 datiert, ehe man sich wegen des wiederentdeckten Bundesbriefes auf den 1. August 1291 einigte. Die «Züricher Post» kritisierte 1891, die Bundesfeier sei kein Volksbrauch, sondern ein «Zimmergewächs der Gelehrten- und Beamtenstuben».
Der Schweizer Nationalfeiertag wurde also künstlich konstruiert – um der Nation einen gemeinsamen Gründungsmythos zu geben. Aus Sicht der damaligen Staatenlenker war dies bitter nötig: Keine 50 Jahre zuvor bekriegten sich die Kantone im Sonderbundskrieg. Die konservativen Kantone Luzern, Uri, Schwyz, Ob- und Nidwalden, Zug, Freiburg und das Wallis wurden erst durch militärische Gewalt Teil des Schweizer Bundesstaates. Der 1. August bot eine gute Gelegenheit, diesem zutiefst gespaltenen Staatsvolk einen gemeinsamen Bezug zu konstruieren.
Die Menschen, die innerhalb der Schweizer Grenzen leben, werden erst durch ebendiese zu Schweizer*innen. Sie teilen in ihrer Gesamtheit nichts ausser der Staatsgewalt, die über sie herrscht.
Auch die Bräuche, die Schweizer*innen als die ihren betrachten, sind oft moderne Erfindungen. Der Edelweiss-Stoff der Schwinger und Sennen stammt weitgehend aus den 1960er-Jahren. Das heutige Alphorn gibt es erst seit etwa 100 Jahren – um das Jahr 1800 war das Hirtenhorn quasi ausgestorben. Selbst das Schwingen ist keine exklusive Schweizer Erfindung: In Senegal gibt es das Kleider-Ringen als Nationalsport namens «Lutte sénégalaise» und in Korea ist es als «Ssireum» verbreitet. Traditionen, die tatsächlich über eine lange und regional verankerte Geschichte verfügen – wie etwa das Zürcher Sechseläuten oder die Basler Fasnacht –, sind keine Schweizer Bräuche, sondern eben ortsspezifische Traditionen.
Die Nation schafft sich also ihren eigenen Mythos. Die Menschen, die innerhalb der Schweizer Grenzen leben, werden erst durch ebendiese zu Schweizer*innen. Sie teilen in ihrer Gesamtheit nichts ausser der Staatsgewalt, die über sie herrscht.
Vom so konstruierten Schweizer Volk wird erwartet, dass es sich an die Gesetze hält, zum Wohle der Nation beiträgt und im Ernstfall das Vaterland im Schützengraben an der Waffe verteidigt. Ansonsten ist diese Zwangsgemeinschaft nicht sonderlich gemeinschaftlich. Die Gesellschaft ist von konkurrierendem Gegeneinander geprägt: Schon in der Schule werden die Kinder und Jugendlichen zu Konkurrent*innen gemacht, die sich später um Arbeitsplätze streiten sollen. Die herrschende Ökonomie basiert auf Ausbeutungsverhältnissen und Interessengegensätzen, etwa zwischen Firmenbossen und Angestellten oder Vermieter*innen und Mieter*innen.
Das soll nicht heissen, dass es in der Schweiz keine Personengruppen mit gemeinsamen Interessen gibt. Doch diese Gemeinsamkeiten kennen keine nationalen Grenzen: Die allermeisten Menschen in der Schweiz haben mit einer lohnabhängigen Person aus Moskau mehr gemeinsam als mit einem Milliardär aus Zürich.
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Das nationale Wir-Gefühl
Warum also funktioniert der Mythos der Nation trotzdem so gut? Weil der liberale Staat dieses falsche Bewusstsein zum Überleben braucht.
Der Schweizer Nationalstaat vertritt nicht die Interessen seiner breiten Bevölkerung. Er organisiert ein Wirtschaftssystem, von dem nur die wenigsten profitieren, während der Rest im Hamsterrad rennt und für den Reichtum Anderer arbeitet. Die staatlichen Dienstleistungen – Infrastruktur, Spitäler, Sozialleistungen und so weiter – werden nicht aus Nächstenliebe bereitgestellt. Sie sind die notwendigen staatlichen Erhaltungskosten, um den Wirtschaftsstandort am Laufen zu halten.
Damit die Bevölkerung die aktuellen Sauereien – von der grassierenden Austeritätspolitik bis zum staatlichen Dienstzwang im Militär- und Zivildienst – klaglos hinnimmt, braucht es die Identifikation mit dem Staat. Das nationale «Wir» wird der Bevölkerung in der Schule eingetrichtert und im politischen Diskurs tagtäglich wiedergekäut, damit sie sich die staatlichen Interessen zu eigen macht.
Vom Nationalismus im Kopf zum Nationalismus auf dem Rasen
Hier schlagen wir den Bogen zur Fussball-WM: Wer derzeit «Hopp Schwiiz» ruft, feiert nicht die athletische Leistung von elf Sportlern, die zufälligerweise in Schweizer Fahnen gehüllt sind. Polemisch ausgedrückt: Wer sich eine Schweizer Flagge ins Gesicht kritzelt, stützt ein falsches Kollektiv, das konstant gegen die eigenen Interessen als lohnabhängige Person eingerichtet ist – das gilt nicht nur für die Schweiz, sondern für alle Staaten.
Das Mitfeiern ist kein harmloser Eskapismus – es ist das kollektive Festgelage zur Zelebrierung der eigenen Unterwerfung.
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