Zwischen Fuss­ball, Rütli­schwur und Nationalismus

Die Fuss­ball-WM kickt den Party-Patrio­tismus an – und die linke Kritik kratzt derweil lieber an der Ober­fläche. Das Problem liegt im falschen Bewusst­sein eines verbin­denden Wir-Gefühls unter einer Fahne mit Kreuz statt Hammer und Sichel. 
Das Mitfiebern für die Schweizer Nationalmannschaft ist kein harmloser Eskapismus – es ist das kollektive Festgelage zur Zelebrierung der eigenen Unterwerfung. (Bild: Abigail Keenan / Unsplash)

Poli­ti­sche Kritik an der Fuss­ball-Welt­mei­ster­schaft gibt es von links bis liberal: Die FIFA ist eine korrupte Verbre­cher­or­ga­ni­sa­tion, die Menschen­rechte mit Füssen tritt. Der FIFA-Präsi­dent Infan­tino ist mit seinen kuriosen Video-State­ments längst zum Meme geworden. Der dies­jäh­rige Gast­ge­ber­staat, die USA, führt einen impe­ria­li­sti­schen Angriffs­krieg gegen den Iran und unter­stützt Israel beim Genozid gegen die palä­sti­nen­si­sche Bevöl­ke­rung und bei der Inva­sion des Libanon. Im Inland ist die Jagd auf migran­ti­sche Personen durch die mörde­ri­sche Abschie­be­be­hörde ICE eröffnet; von der FIFA akkre­di­tierten Schieds­rich­tern wird die Einreise verwei­gert.

Auch ist es unbe­stritten, dass die Auswir­kung von Fuss­ball-Patrio­tismus gefähr­lich ist: Das Public Viewing auf dem Dorf­platz kann für Migrant*innen oder queere Menschen bedroh­lich werden. Genauso werden zu (Männer-)Fussball-Grossereignissen wie der WM vermehrt die eigenen vier Wände zum Tatort häus­li­cher Gewalt.

Das Problem der Welt­mei­ster­schaft liegt im falschen Bewusst­sein, welches durch natio­nale Trikots, Schwei­zer­wappen im Gesicht und Fahnen am Balkon genährt wird.

Doch diese mora­li­sti­sche Kritik an Funk­tio­nären, Austra­gungs­orten und Gewalt­ex­zessen wird in diesen Zeiten ober­fläch­lich geführt. Immer schwingt der Grund­ge­danke mit, dass der Fuss­ball an sich unschuldig sei und nur von den falschen Leuten geka­pert wurde. Das Problem der Welt­mei­ster­schaft liegt aber tiefer: Es liegt im falschen Bewusst­sein, welches durch natio­nale Trikots, Schwei­zer­wappen im Gesicht und Fahnen am Balkon genährt wird.

Wer mit der «Nati» mitfie­bert, tut das schliess­lich nicht, weil sich nach einer Analyse aller Mann­schaften heraus­ge­stellt hat, dass einem das Schwei­ze­ri­sche am besten gefällt. Man feiert das Schweizer Team aus einem einzigen Grund: weil man sich als Schweizer*in begreift und mit diesem Natio­nal­staat iden­ti­fi­ziert. Natür­lich ist man für die Schweizer Mann­schaft – man ist ja schliess­lich Schweizer*in.

Der Natio­nal­my­thos Schweiz

Die Schweiz entstand nicht dadurch, dass sich eine Gruppe Menschen mit gemein­samen Werten und Tradi­tionen als Volk iden­ti­fi­ziert und folg­lich einen Staat geschaffen hat – es ist der Staat, der sich sein eigenes Volk schafft. Die Nation konstru­iert sich ihren eigenen Mythos und die damit einher­ge­hende Heldengeschichte.

So wird der Natio­nal­fei­ertag am 1. August, der an den Rütli­schwur 1291 erin­nern soll, erst seit 1891 gefeiert. Damals kommen­tierte eine Zeitung, das Datum sei sonderbar gewählt und müsse «künst­lich in das Schweizer Volk hinein­ge­tragen werden». Bis ins 19. Jahr­hun­dert wurde die Grün­dung der alten Eidge­nos­sen­schaft auf den 8. November 1307 datiert, ehe man sich wegen des wieder­ent­deckten Bundes­briefes auf den 1. August 1291 einigte. Die «Züri­cher Post» kriti­sierte 1891, die Bundes­feier sei kein Volks­brauch, sondern ein «Zimmer­ge­wächs der Gelehrten- und Beamtenstuben».

Der Schweizer Natio­nal­fei­ertag wurde also künst­lich konstru­iert – um der Nation einen gemein­samen Grün­dungs­my­thos zu geben. Aus Sicht der dama­ligen Staa­ten­lenker war dies bitter nötig: Keine 50 Jahre zuvor bekriegten sich die Kantone im Sonder­bunds­krieg. Die konser­va­tiven Kantone Luzern, Uri, Schwyz, Ob- und Nidwalden, Zug, Frei­burg und das Wallis wurden erst durch mili­tä­ri­sche Gewalt Teil des Schweizer Bundes­staates. Der 1. August bot eine gute Gele­gen­heit, diesem zutiefst gespal­tenen Staats­volk einen gemein­samen Bezug zu konstruieren.

Die Menschen, die inner­halb der Schweizer Grenzen leben, werden erst durch eben­diese zu Schweizer*innen. Sie teilen in ihrer Gesamt­heit nichts ausser der Staats­ge­walt, die über sie herrscht.

Auch die Bräuche, die Schweizer*innen als die ihren betrachten, sind oft moderne Erfin­dungen. Der Edel­weiss-Stoff der Schwinger und Sennen stammt weit­ge­hend aus den 1960er-Jahren. Das heutige Alphorn gibt es erst seit etwa 100 Jahren – um das Jahr 1800 war das Hirten­horn quasi ausge­storben. Selbst das Schwingen ist keine exklu­sive Schweizer Erfin­dung: In Senegal gibt es das Kleider-Ringen als Natio­nal­sport namens «Lutte séné­ga­laise» und in Korea ist es als «Ssireum» verbreitet. Tradi­tionen, die tatsäch­lich über eine lange und regional veran­kerte Geschichte verfügen – wie etwa das Zürcher Sech­se­läuten oder die Basler Fasnacht –, sind keine Schweizer Bräuche, sondern eben orts­spe­zi­fi­sche Traditionen.

Die Nation schafft sich also ihren eigenen Mythos. Die Menschen, die inner­halb der Schweizer Grenzen leben, werden erst durch eben­diese zu Schweizer*innen. Sie teilen in ihrer Gesamt­heit nichts ausser der Staats­ge­walt, die über sie herrscht.

Vom so konstru­ierten Schweizer Volk wird erwartet, dass es sich an die Gesetze hält, zum Wohle der Nation beiträgt und im Ernst­fall das Vater­land im Schüt­zen­graben an der Waffe vertei­digt. Anson­sten ist diese Zwangs­ge­mein­schaft nicht sonder­lich gemein­schaft­lich. Die Gesell­schaft ist von konkur­rie­rendem Gegen­ein­ander geprägt: Schon in der Schule werden die Kinder und Jugend­li­chen zu Konkurrent*innen gemacht, die sich später um Arbeits­plätze streiten sollen. Die herr­schende Ökonomie basiert auf Ausbeu­tungs­ver­hält­nissen und Inter­es­sen­ge­gen­sätzen, etwa zwischen Firmen­bossen und Ange­stellten oder Vermieter*innen und Mieter*innen.

Das soll nicht heissen, dass es in der Schweiz keine Perso­nen­gruppen mit gemein­samen Inter­essen gibt. Doch diese Gemein­sam­keiten kennen keine natio­nalen Grenzen: Die aller­mei­sten Menschen in der Schweiz haben mit einer lohn­ab­hän­gigen Person aus Moskau mehr gemeinsam als mit einem Milli­ardär aus Zürich.

Das natio­nale Wir-Gefühl

Warum also funk­tio­niert der Mythos der Nation trotzdem so gut? Weil der libe­rale Staat dieses falsche Bewusst­sein zum Über­leben braucht.

Der Schweizer Natio­nal­staat vertritt nicht die Inter­essen seiner breiten Bevöl­ke­rung. Er orga­ni­siert ein Wirt­schafts­sy­stem, von dem nur die wenig­sten profi­tieren, während der Rest im Hamsterrad rennt und für den Reichtum Anderer arbeitet. Die staat­li­chen Dienst­lei­stungen – Infra­struktur, Spitäler, Sozi­al­lei­stungen und so weiter – werden nicht aus Näch­sten­liebe bereit­ge­stellt. Sie sind die notwen­digen staat­li­chen Erhal­tungs­ko­sten, um den Wirt­schafts­standort am Laufen zu halten.

Damit die Bevöl­ke­rung die aktu­ellen Saue­reien – von der gras­sie­renden Austeri­täts­po­litik bis zum staat­li­chen Dienst­zwang im Militär- und Zivil­dienst – klaglos hinnimmt, braucht es die Iden­ti­fi­ka­tion mit dem Staat. Das natio­nale «Wir» wird der Bevöl­ke­rung in der Schule einge­trich­tert und im poli­ti­schen Diskurs tagtäg­lich wieder­ge­käut, damit sie sich die staat­li­chen Inter­essen zu eigen macht.

Vom Natio­na­lismus im Kopf zum Natio­na­lismus auf dem Rasen

Hier schlagen wir den Bogen zur Fuss­ball-WM: Wer derzeit «Hopp Schwiiz» ruft, feiert nicht die athle­ti­sche Leistung von elf Sport­lern, die zufäl­li­ger­weise in Schweizer Fahnen gehüllt sind. Pole­misch ausge­drückt: Wer sich eine Schweizer Flagge ins Gesicht krit­zelt, stützt ein falsches Kollektiv, das konstant gegen die eigenen Inter­essen als lohn­ab­hän­gige Person einge­richtet ist – das gilt nicht nur für die Schweiz, sondern für alle Staaten.

Das Mitfeiern ist kein harm­loser Eska­pismus – es ist das kollek­tive Fest­ge­lage zur Zele­brie­rung der eigenen Unterwerfung.


Jour­na­lismus kostet

Die Produk­tion dieses Arti­kels nahm 12 Stunden in Anspruch. Um alle Kosten zu decken, müssten wir mit diesem Artikel CHF 884 einnehmen.

Als Leser*in von das Lamm konsu­mierst du unsere Texte, Bilder und Videos gratis. Und das wird auch immer so bleiben. Denn: mit Paywall keine Demo­kratie. Das bedeutet aber nicht, dass die Produk­tion unserer Inhalte gratis ist. Die trockene Rech­nung sieht so aus:

Soli­da­ri­sches Abo

Nur durch Abos erhalten wir finan­zi­elle Sicher­heit. Mit deinem Soli-Abo ab 80 CHF im Jahr oder 8 CHF im Monat unter­stützt du uns nach­haltig und machst Jour­na­lismus demo­kra­tisch zugäng­lich. Wer kann, darf auch gerne einen höheren Beitrag zahlen.

Ihr unter­stützt mit eurem Abo das, was ihr ohnehin von uns erhaltet: sorg­fältig recher­chierte Infor­ma­tionen, kritisch aufbe­reitet. So haltet ihr unser Magazin am Leben und stellt sicher, dass alle Menschen – unab­hängig von ihren finan­zi­ellen Ressourcen – Zugang zu fundiertem Jour­na­lismus abseits von schnellen News und Click­bait erhalten.

In der kriselnden Medi­en­welt ist es ohnehin fast unmög­lich, schwarze Zahlen zu schreiben. Da das Lamm unkom­mer­ziell ausge­richtet ist, keine Werbung schaltet und für alle frei zugäng­lich bleiben will, sind wir um so mehr auf eure soli­da­ri­schen Abos ange­wiesen. Unser Lohn ist unmit­telbar an eure Abos und Spenden geknüpft. Je weniger Abos, desto weniger Lohn haben wir – und somit weniger Ressourcen für das, was wir tun: Kriti­schen Jour­na­lismus für alle.

Ähnliche Artikel