Das ehemalige Psychiatriegebäude steht weit abgeschieden, direkt an einer Schnellstrasse. Hier leben Bahar und Dilan mit ihren Kindern im sogenannten Rückkehrzentrum Oberhalden in Hinteregg im Kanton Zürich – und das seit Jahren.
In der Schweiz leben mehrere Tausend abgewiesene Asylsuchende in der Nothilfe, rund 700 davon sind Kinder. Im Kanton Zürich gibt es zwei Kollektivunterkünfte in denen Familien in der Nothilfe leben: Oberhalden und Sonnenbühl in Oberembrach. 70 Prozent der betroffenen Familien mit minderjährigen Kindern und Jugendlichen leben seit über einem Jahr von der Nothilfe und gelten damit als Langzeitbezüger*innen.
Kürzlich haben Forscher*innen des Marie-Meierhofer-Instituts erstmals systematisch die Situation von Minderjährigen in der Schweizer Nothilfe untersucht. Basierend auf den Ergebnissen haben Rechtswissenschaftler*innen der Universität Neuenburg eine rechtliche Beurteilung vorgenommen. Mit dem eindeutigen Ergebnis: Die Situation ist weder mit der Kinderrechtskonvention noch mit der Bundesverfassung kompatibel. Gemäss Studie sind die Kinder in der Nothilfe «dauerhaft neuen traumatischen Ereignissen» ausgesetzt.
In Auftrag gegeben hat die Studie die Eidgenössische Migrationskommission. Als Grundlage der Studie sowie des darauf aufbauenden Gutachtens waren Dutzende Interviews mit Kindern, Jugendlichen und Eltern. Zusätzlich hat das Marie-Meierhofer-Institut eine Umfrage bei den zuständigen Behörden der Kantone durchgeführt.
Der Kanton Zürich liess als einziger Kanton den Fragebogen des Instituts unbeantwortet und untersagte einen Besuch im Rückkehrzentrum Oberhalden.
Das Fazit der Studie hält fest, dass die Schwelle für den Langzeitbezug, die aktuell ein Jahr beträgt zu hoch angesetzt ist. Insbesondere unter Berücksichtigung der vorangehenden Flucht- und Asylerfahrung ist für Kinder bereits ein Jahr in der Nothilfe zu lang. Zudem kommt die Studie zum Schluss, dass die Behörden vermeiden sollten, dass es überhaupt zu einem Langzeitbezug kommt.
Wir sind gekommen, um zu leben
Die folgende Texte von Dilan und Bahar basieren auf einer Broschüre zu feministischen Perspektiven auf das Schweizer Migrationsregime. Diese wurde von sechs kurdischen Frauen erarbeitet, die sich als Teil des «Bündnis Stop Deportation» gegen Ausschaffungen in die Türkei wehren. Zu Beginn der Brochüre schreiben sie:
Wir sind Mütter, die zum Schweigen gebracht wurden. Kinder, die in Angst aufgewachsen sind. Väter, die nachts nicht schlafen können. Und Jugendliche, denen die Zukunft geraubt wurde.
Wir sind Menschen, die in der Schweiz Zuflucht suchen vor Krieg, Folter, Unterdrückung, politischer Verfolgung, Hunger, Diskriminierung und der Angst vor dem Tod. Einige von uns stammen aus Kurdistan, andere aus der Türkei, Somalia, Burundi, Afghanistan, Eritrea und anderen Teilen der Welt.
Wir mögen unterschiedliche Sprachen sprechen und unterschiedliche Kulturen leben, doch eines verbindet uns: Wir sind Menschen, die ums Überleben kämpfen – denn niemand verlässt seine Heimat einfach so.
Niemand verlässt freiwillig das Grab seiner Mutter, seine Kindheit, seine Erinnerungen, seine Sprache, sein Zuhause und seine Vergangenheit. Erst wenn der Tod an die Tür klopft, wenn das Recht auf Leben genommen wird und man seine Kinder nicht mehr beschützen kann, bleibt nichts anderes, als zu fliehen.
Wir sind nicht hierher gekommen, um «ein komfortables Leben zu führen». Wir sind gekommen, um zu leben.
Dilan
Ich bin keine Aktennummer. Ich bin eine Mutter. Zusammen mit meinen fünf Kindern bin ich durch Angst und Ungewissheit in die Schweiz geflohen. Was wir zurückgelassen haben, war nicht nur ein Land; es waren unsere Erinnerungen, unser Gefühl der Sicherheit und manchmal auch unser Recht zu atmen. Auf dem Weg gab es Momente, in denen wir dem Tod ins Auge sahen, aber wir trugen eine Hoffnung in uns: die Hoffnung, einen Ort zu finden, an dem wir sicher sein können.
«Wir wurden von Ort zu Ort getrieben und mussten unser Leben in schwarze Plastiktüten zwängen.»
Dilan, lebt mit ihren Kindern in einem Asyllager in Hinteregg
Als wir in der Schweiz ankamen, dachte ich, hier würde alles fair ablaufen. Doch mit der Zeit wurde mir klar, dass auch das Warten eine Prüfung war. Aus Monaten wurden Jahre. In einem einzigen Zimmer, mit fünf Kindern, lernten wir, unsere Ängste zu unterdrücken. Jeden Abend, wenn ich Schritte im Flur höre, schlägt mein Herz schneller, und ich halte die Hand meiner neben mir schlafenden Tochter fester. Denn die grösste Angst einer Mutter ist es, ihre Kinder nicht beschützen zu können. Ich möchte, dass meine Kinder nicht in Angst, sondern in Frieden schlafen.
Ich möchte leben, ohne bei Türgeräuschen zusammenzuzucken, ohne morgens voller Sorge aufzuwachen. Ich möchte ihnen einfach «Gute Nacht» sagen und ihre Zimmer verlassen und morgens lächelnd aufwachen. Ist das zu viel verlangt? Seit vier Jahren befinde ich mich in einer Wartezeit. Wir wurden von Ort zu Ort getrieben — nicht mit gepackten Koffern, sondern mit unserem Leben, das in schwarze Plastiktüten gezwängt wurde. Diese Situation zerreisst nicht nur uns Einzelne, sondern auch die Familie. Die Bedingungen im Lager verschärfen unsere Konflikte und machen das ohnehin schon schwierige Leben noch unerträglicher.
Doch trotz alledem steht in mir noch immer etwas aufrecht: die Hoffnung. Denn ich bin nicht nur eine Geflüchtete. Ich bin eine Frau. Ich bin eine Mutter. Und für meine Kinder, für das Recht auf ein menschenwürdiges Leben, werde ich bis zum Schluss stark bleiben.
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Bahar
Wir sind Familien, die in Schweizer Geflüchtetenlagern ums Überleben kämpfen. Unter uns befinden sich die Schwächsten: die Kinder und Babys, deren gesunde Entwicklung durch unsere Lebensbedingungen verhindert wird.
In Hinteregg leben auf engstem Raum – teils sind mehrere Familien in einem Zimmer zusammengepfercht. Küche, Toilette und Bad müssen wir uns mit anderen Bewohnenden teilen. Unseren Kindern fehlt ein Rückzugsort. In den überfüllten Räumen können sie ihre Energie nicht abbauen. Das macht sie angespannt, wütend oder verschlossen.
Wir Eltern sind Geflüchtete, unsere Kinder nicht. Ein Kind bleibt in erster Linie ein Kind – überall und unter allen Umständen, unabhängig vom Aufenthaltsstatus der Eltern. Unsere Kinder sollten nicht länger davon träumen müssen, ein eigenes Zimmer oder einen Spielplatz zu haben. Eine siebenköpfige Familie erhält mit der Nothilfe gerade mal 53 Franken täglich. Das sind materiellen Bedingungen, die unterhalb der Existenzgrenze liegen. So können wir nicht einmal Grundbedarf an Lebensmitteln zu decken; geschweige denn die Bedürfnisse unserer Kinder.
Die Kinder spielen in den Fluren, weil Spielplätze fehlen. Derweil stört der Lärm der spielenden Kinder den Schlaf der Babys. Mangelnde Hygiene und Enge führen zu häufigen Infektionen und lassen unsere Kinder grundlegende Hygienegewohnheiten verlieren. Bei gesundheitlichen Notfällen spielen sich die Mitarbeitenden der Lagerverwaltung als Ärzte auf, statt professionelle Hilfe zu holen. Das gefährdet das Leben der Kinder.
«Die Behörden fördern damit keine Integration, sondern erschweren unseren Kindern die Anpassung an die hiesige Gesellschaft.»
Bahar, lebt mit ihren Kindern in einem Asyllager in Hinteregg
Wir versuchen unseren Kindern die Bedeutung von Privatsphäre und persönlichen Grenzen beizubringen. Doch wie soll das gelingen, wenn wir alle in einem Raum leben, ja sogar mehrere Familien denselben teilen? Diese Lebensumstände machen eine angemessene Erziehung nahezu unmöglich.
In den Lagern spielen sich regelmässig Polizeirazzien mit massivem Gewalteinsatz vor den Augen unserer Kinder ab – die dadurch Ängste und bleibende Traumata entwickeln. Unsere Kinder müssen mit ansehen, wie ihre engen Freund*innen von der Polizei mitgenommen und ausgeschafft werden. Auch wenn Kleinkinder die Situation nicht begreifen können, hinterlässt dieser systematische Verlust von Freund*innen tiefe Wunden in ihrer Seele. Babys leiden unter diesen Bedingungen mindestens ebenso sehr.
Statt unsere Kinder in reguläre Schulklassen zu schicken, werden sie unter dem Deckmantel der «Integration» mit Kindern derselben Sprache und ähnlichem Hintergrund unterrichtet. Die Behörden fördern damit keine Integration, sondern erschweren unseren Kindern die Anpassung an die hiesige Gesellschaft.
Kinder haben ein Recht auf einen angemessenen Lebensstandard, Gesundheit, Bildung und Schutz. So garantiert es auch die UN-Kinderrechtskonvention. Das Wohl des Kindes muss immer Vorrang haben und kein Kind darf wegen seines Aufenthaltsstatus diskriminiert werden. Die Unterbringung in den Geflüchtetenlagern gefährdet die körperliche und psychische Entwicklung der Kinder und verstösst damit den völkerrechtlichen Verpflichtungen der Schweiz.
Um die Zukunft unserer Kinder zu schützen, müssen die Lebensbedingungen sofort verbessert, Kinderrechte gewahrt und menschenwürdige Verhältnisse geschaffen werden. Das ist Verantwortung von uns allen, denn diese Kinder sind unsere Zukunft.
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